Marcus in Brasilien

Quarta-feira, Agosto 31, 2005

Weit entfernt von Ordnung und Fortschritt

Nach Engenharia de Software mache ich mich mit Hilfe von Lonely Planet und dem neu erschienenen Reise-Know-How von Jürgen (war zum Zeitpunkt unseres Abflugs noch nicht erhältlich, ist zu empfehlen!) noch etwas an die Pantanal- und Bonitoplanung.
In Empreendedorismo fragt Prof. Álvaro, welche Branchen in Floripa fehlen und wo man als Unternehmer Erfolg haben könnte. Ich schlage vor: „Uma Loja de Movéis de Grande Porte“ – ein Möbelhaus im großen Stil. Die Brasilianer wollen das nicht, sie finden alle ein Bootsverkehrsunternehmen oder noch ein Schulbusunternehmen toller. Als ob es davon nicht genug geben würde. Nur der portugiesische Austauschstudent versteht mein Anliegen, stupst mich von hinten an und fragt: „Tá pensado de IKEA?“ – Denkst du an IKEA? „Isso!“, er findet auch, so etwas täte Floripa gut. Seinem Vorschlag, ein portugiesisches Bacalhão-Restaurant zu eröffnen, können die Brasilianer aber ebenfalls nichts abgewinnen, Prof. Álvaro muss den Studenten noch erklären, dass Bacalhão Backfisch – das portugiesische Nationalgericht – ist.
Abends kommen Steve und Forsti noch mal vorbei, und bevor wir zwecks weiterer Reiseplanung zu Jürgen wechseln, vertiefen wir uns mit Ângela in eine Streikdiskussion: Die Mitarbeiter wollen etwa 15% Lohnerhöhung, 0,1% ist ihnen zugesichert worden. In der Mensa sind die Mitarbeiter direkt über die Uni angestellt und erhalten als Bundesangestellte etwa 1500 Reais monatlich, und streiken für mehr. Inzwischen werden jedoch auch für die gleiche Arbeit Drittfirmen angeheuert, deren Angestellten etwa 350 Reais verdienen. Wir sagen: Warum wirft man die Streikenden nicht raus, und stellt die billigen Kräfte ein?
Im Übrigen wird bei einem Streik der Lohn vom Arbeitgeber weitergezahlt. Wir fragen: Welche Motivation hat da der Arbeitnehmer, wieder an die Arbeit zu kommen, und den Streik möglichst schnell zu beenden? Ist doch viel besser, auszuschlafen und trotzdem Geld zu erhalten. Außerdem entspräche das nicht dem Grundsatz: Keine Arbeitsleistung = kein Geld.
Wir behaupten, es sei relativ unsinnig, wenn eine Universität streike: Sie sei dienstleistungstechnisch nicht in eine Art Zulieferkette eingebunden, und könne somit auch nichts lahm legen. Und wenn nur einzelne Professoren oder einzelne Mitarbeiter streikten, erst recht nicht. Ângela ist ja bekanntlich eine große Streikfunktionärin, die immer brav 1x im Jahr für ein bis zwei Monate streikt. „Und was macht man so bei einem Streik?“, fragen wir. Die meisten Mitarbeiter gehen wohl nach Hause, muss auch Ângela einsehen. Etwa 30 bleiben im Foyer des Rektorats sitzen und malen Plakate, schauen sich politische Filme an, organisieren Vorträge über die Missstände im brasilianischen Bildungssystem, … Forsti erzählt mir nachher, er sei mal durch das Rektoratsfoyer geschlendert, Skat hätten sie gespielt. Ich frage: „Haben sie wenigstens einen Pressesprecher?“, aber der ist wohl auch mit lustigen Plakatmalaktionen beschäftigt, denn im Fernsehen war bisher nichts davon zu sehen. Da hatten im Juni die Studentendemos für geringere Busfahrpreise eine deutlich bessere Presseresonanz.
Danach sind wir noch zu Jürgen, und haben uns über verschiedene Touranbieter ins Pantanal informiert.
Auf dem Rückweg sinniere ich noch etwas über den Streik. Wird es den brasilianischen Präsidenten, durch eine Korruptions- und Schmiergeldaffäre gerade ernorm am Straucheln, interessieren, ob an irgendeiner Universität auf einer kleinen Insel im kleinsten Bundesstaat Brasiliens für höhere Löhne gestreikt wird? Kaum, er wird andere Probleme haben. Von Ordem e Progresso (Ordnung und Fortschritt), so wie es auf der brasilianischen Flagge steht, scheint diese kleine Universität weit entfernt. Eigentlich das ganze Land. Viel besser passt das alte Frühstyxradio-Motto „Freiheit Schönheit Reichtum“. Auf Portugiesisch:


Der Untergang von Ordnung und Fortschritt

Der kleine Tierfreund passte gut in die endlosen Feuchtgebiete des Pantanals, und auch in Pomerode gäbe es propere Vorgärten für alle Friedas und Annelieses dieser Welt.

Terça-feira, Agosto 30, 2005

Bummelstreik und PCP-Präsentation

In Industrierobotertechnik baut Prof. Raul wie immer sein Notebook und den Beamer auf, schließt sie dann aber nicht an. Stattdessen ist er als alter Gewerkschafter in den Bummelstreik getreten, und referiert zwei geschlagene Stunden über den Sinn, dass jetzt alle in den Streik treten müssten. Hoffentlich bleibt er der einzige. Danach treffe ich mich kurz mit Vilson, der ein neues, noch nicht auf dem Markt erschienenes Portugiesischlehrbuch für Ausländer bewerten soll. Was halte ich davon? Ich sammle so mit ihm einige Vorteile, und zahlreiche Kritikpunkte.
Nachmittags steht die Präsentation in Planejamento e Controle de Produção an. Zunächst hat Prof. Dalvio mächtig mit der Technik zu kämpfen, und als wir mein Notebook zuschalten, kann ich keine soo niedrige Auflösung und Bildwiederholfrequenz einstellen, dass der Beamer arbeitet. Die Präsentation bekommen Franziska und ich dann gut hin, und ich denke die brasilianischen Studenten sind begeistert, dass wir mit Excel Diagramme malen können. Von neun Gruppen stellen drei ihre Ergebnisse vor: Forsti und Steve, Franziska und ich, und eine brasilianische Gruppe. Anders gesagt: 100% der deutschen Studenten hat Ergebnisse, aber nur eine von sieben brasilianischen Gruppen. Das muss besser werden, stichelt Prof. Dalvio uns und seine brasilianischen Studenten an, die Deutschen hätten immerhin eine 6..7 (ausreichend) und die Brasilianer minus 3…minus 4 verdient.


Klick auf das Bild öffnet die Präsentation

Zur nächsten Woche sollen wir noch einmal als mittelgroßes Unternehmen alles durchspielen.
Nach der Aula gehen wir ins Reisebüro, um endlich unsere Flüge zu buchen. Auf dem Weg dorthin sehen wir im Buchladen noch ein Angebot, die gerade große Rucksäcke raushauen. Forsti und ich schlagen zu und kaufen uns jeweils einen 45-Liter-Wanderrucksack, und können den Preis auf jeweils 125 Reais herunterhandeln (etwa 40 Euro).
Den richtig großen Reibach macht aber heute das Reisebüro, wollen doch insgesamt sieben deutsche Studenten verreisen: Forsti will schon Donnerstag früh los, und auf die Hochzeit eines Kollegen aus dem Praktikum nördlich von Cuiabá in Mato Grosso fliegen, weiter nach Bonito und dann im Pantanal zu uns stoßen. Steve fährt Samstag früh mit dem Komfortreisebus Leito nach São Paulo, wo er am Montagmorgen seine Freundin Kathrin erwartet. Am kommenden Dienstagabend werden Rebecca, Jürgen, Franziska und ich mit dem Bus nach Curitiba fahren, weiter nach São Paulo fliegen, dort Steve und Kathrin einsammeln, nach Campo Grande fliegen. Für den Rückflug wollen wir dann zu siebt direkt nach Florianópolis zurück, das war ausnahmsweise die billigste Variante aus dem Webangebot des brasilianischen Ryan-Air-Pendants GOL.
Die Dame aus dem Reisebüro bucht mit viel Geduld unsere Reisen, und sammelt dann am Ende knappe 4500 Reais von uns ein. Das dürfte wohl einen Großteil des Tagesumsatzes ausgemacht haben, hinter uns wird die Tür geschlossen und das Schild „Aberto“ gegen „Fechado“, geschlossen, getauscht. Wir frotzeln, dass jetzt erst der Geldtransporter bestellt werden muss.
Wir bereiten uns hingegen langsam auf das Abendprogramm vor, im Elase findet heute das Abschiedschurrasco von Markus bei Eletrosul statt. Seine Kollegen sind und ja bereits von diversen Festivitäten bekannt, wird dort eigentlich auch gearbeitet? Ich lerne einen jungen Mitarbeiter kennen, der auch bis vor ein paar Jahren an der UFSC studiert hat, und berichte ihm, dass so langsam wieder alle Zeichen auf Streik stehen. „Wie lange streiken sie denn schon?“, fragt er, „denn wenn sie erst einmal streiken, hören sie soo schnell nicht auf!“. Na dann ist ja alles Beleza.
Außerdem lerne ich Tobias Grobe kennen, einen Systemingenieur aus Chemnitz, der gerade in Floripa bei Márcia Sprachkurs macht und dann ins Praktikum nach Joinville geht. Da hat man schon mal einen Grund, mal wieder Joinville zu besuchen…


Patricia und Rika mit Tobias

Segunda-feira, Agosto 29, 2005

Pantanalplanung

Den Tag über bastele ich an der Präsentation für die PCP-Stunde. Die Daten kann man als Excel-Datei ausgeben lassen, so dass ich noch ein paar Diagramme über die Kapazitätsauslastung, über Nachfrageschwankungen etc. erstelle.
Abends kommen Steve, Christian, Rebecca und Jürgen vorbei: Nächste Woche, genauer am 7. September, feiert Brasilien seine Unabhängigkeit von Portugal (1822). Für uns ein Grund, dem sowieso freien Mittwoch einen freien Donnerstag anzuhängen, und somit von Dienstagabend bis Montagmorgen fast eine Woche Urlaub in den Pantanal einzuschieben. Zusätzlich zum Wissen auf Wikipedia sollte man erwähnen, dass das Pantanalgebiet vor Jahrmillionen und damit vor der Auffaltung der Anden eine Bucht im Pazifik war, und irgendwann durch Plattenverschiebungen vom Pazifik getrennt wurde. Eingeschlossene Tiere und Pflanzen konnten sich durch den nur sehr langsam sinkenden Salzgehalt im Wasser anpassen, so dass es in diesem großen Feuchtgebiet neben ca. 32. Mio. Kaiman-Krokodilen auch zahlreiche Süßwasserhaie und –delfine gibt.
Das Buchen der Flüge über das Internet von Curitiba über São Paulo nach Campo Grande hat leider nicht wieder mit deutschen Kreditkarten funktioniert, so dass wir morgen noch einmal ins Reisebüro müssen.


Rio Paraguay und Pantanalgebiet auf Google Earth. Wenn die Auflösung so gut wie in Tokio in Peking wäre, könnte man sicher auch die Krokodile erkennen.

Domingo, Agosto 28, 2005

Zu Besuch bei Batinga

Batinga, ein Verwandter von Ângela, der bei uns hin und wieder zum Churrasco vorbeischaut, hat heute uns eingeladen. Er wohnt in Naufragados, an der Südspitze der Insel. Er baut Häuser, wohnt dann eine gewisse Zeit darin, etwa 2 Jahre, und baut dann ein neues Haus irgendwoanders, während er das „alte“ Haus verkauft. Er macht alles selbst und kann alles. Seefahren und Fische fangen sicherlich auch, ich kann ihn mir als Pirat vorstellen. Gut kochen kann er auch, und weil er weiß, dass Fisch und ich keine guten Freunde sind, hat er noch eine kleine Hühnerbrühe gezaubert, während sich alle anderen an Fischsuppen, Austern und sonstigem Meeresgetier bedienen.


Joãozinho ist der Sohn von Batinga


Beatriz (Batingas Tochter), Batinga und seine Freundin, Delmo und Franziska haben gerade ein paar Austern verspeist.

12 Austern kosten beim Austernzüchter um die Ecke 4 Reais, 1,30 Euro. Vor einer halben Stunde gefangen. Soll sehr frisch gewesen sein, und Delmo mag es am liebsten, wenn die Austern noch leben, wenn er sie isst.
Auf dem Rückweg fahren wir noch über Costeira, wo Markus Monza eine wirklich nette Sorveteria (Eisdiele) kennt.

Sábado, Agosto 27, 2005

Simulation

Nach der anstrengenden Party fiel das Aufstehen entsprechend schwer, so dass wir pünktlich zum Mittagessen im ELASE eintreffen, dem Sportzentrum von Eletrosul. Hier veranstaltet der Samba- und Karnevalsverein unseres Stadtteils Carvoeira heute ein großes Mittagessen, und Ângela und Delmo sind natürlich mit von der Partie.
Den Nachmittag haben wir wieder vor dem Laptop mit diversen Produktionsstrategien verbracht, und sind irgendwann müde ins Bett gefallen.

Sexta-feira, Agosto 26, 2005

Textilfirma „Spinnerei“

Prof. Dalvio aus Produktionsmanagement hat endlich das Acess-Tool zum Herunterladen bereitgestellt, mit der wir als Hausaufgabe ein Produktionssystem simulieren sollen. Franziska und ich machen uns an die Arbeit, zukünftige Bedarfe und saisonabhängige Nachfragen zu berechnen, daraus berechnet das Programm dann die die erforderlichen Monatsauslastungen, sowie den Bedarf an Primärmaterial. Aufgabe ist es nun, einen Produktionsplan zu erstellen, wie viel Rohmaterial und Halbzeuge werden als Sicherheitsbestand auf Lager gelegt? Wie gut wird die vorhandene Produktionskapazität ausgenutzt? Lassen sich durch zusätzliche Schichten oder Einstellung von Leiharbeitsnehmern höhere Gewinne realisieren?


Das Access-Tool

Bis wir das System einigermaßen kennen, ist der Tag auch schon fast vorbei, wäre heute nicht die größte Party in Florianópolis: Mit Ilmenau-Kandidat Fábio nehmen wir Carona zum Ilha Shopping, wo heute drei Bands auftreten. Das Ilha Shopping ist eine riesengroße Glashalle kurz vor Cansasvieiras, fußballfeldgroß, welche nur in den Sommermonaten als Shopping Center genutzt wird und dreiviertel des Jahres leersteht. „Also immer genau dann, wenn die Urlauber aus Argentinien nicht da sind?“, frage ich Fábio – „Exatamente!“. Frauen kommen bis 1 Uhr umsonst herein, und ich habe mir bereits gestern in der Nähe der Uni ein Ticket besorgt. Die Probleme kommen dann am Einlass: Ich habe natürlich keinerlei Dokumente o.ä. dabei, nur 20 Reais in der Hosentasche, und komme nicht herein. Mit Fábio und einem Kumpel müssen wir dann erst einmal zu einem Wohnwagen, wo der Abendverantwortliche sitzt, ich der intercambista alemã, der heute erst angekommen ist, und dem will man ja auch nicht den Abend verderben. Ich nicke zweimal, sage Tudo bom und irgendwie werden wir dann herein dirigiert.
Die üblichen Verdächtigen sind natürlich auch schon da, und es wird eine rauschende Party, so dass wir erst im Morgengrauen wieder heimkehren.

Quinta-feira, Agosto 25, 2005

Treffen mit Prof. Schneider

Die Klausur in Industrierobotertechnik war überraschend einfach, alle Studenten kamen überraschend pünktlich, und dennoch hatte Prof. Raul natürlich einen Überraschungsmoment eingebaut: In den Übungen hatten wir immer aus den in der Skizze vorgegebenen Koordinatensystemen die Verhältnismatrizen errechnet, nun hatte er die Matrizen vorgegeben und verlangte nur die Eintragung der entsprechend transformierten Koordinatensysteme.
Direkt danach trafen wir Prof. Schneider. Er war tatsächlich auf der Konferenz für Halbleitertechnologie, und erzählt uns von einer brasilianischen Gründerfirma des Instituts zur Halbleiterforschung und hält uns mit Neuigkeiten aus Ilmenau auf dem Laufenden, während wir über unsere Praktikumserfahrungen berichten. Auch unsere bisherige Einschätzung über Brasilien darf nicht fehlen: Bürokratische Hürden wie in Deutschland, aber in einigen Dingen, wie etwa dem Bussystem, überraschend modern und unkompliziert.


Mit Prof. Schneider vor dem Departamento de Engenharia de Produção e Sistemas

Am Abend war ich wieder mit Kochen an der Reihe, es gab einen Frango-Döner. Mangels Fladenbrot in Toast, aber mit viel Salat und Tomaten.

Quarta-feira, Agosto 24, 2005

Auf der Suche nach Prof. Schneider oder die Landung auf dem Mond

In einer kleinen „Pinkelpause“ in der Dreistunden-Vorlesung Software Engineering läuft mir Profa. Leila über den Weg, und ich frage, ob Prof. Schneider inzwischen angekommen sei, und wo und wie ich ihn finden könnte. Sie gibt mir den Rat, mich einmal bei der CERTI, einer brasilianischen Forschungsstiftung für Innovationstechnologie zu erkundigen. Dort angekommen (das Gebäude ist gleich dreimal schicker als jedes Uni-Gebäude), komme ich jedoch bereits an der Telefonistin nicht vorbei. Ja, es finde eine internationale Konferenz statt, auch mit Beteiligung dreier deutscher Hochschullehrer. Einen Prof. Schneider gibt es auch – er ist der Institutsdirektor, qual concidência, was für ein Zufall – aber ein Herfried Schneider taucht auf der Liste der Konferenzteilnehmer nicht auf. Es geht übrigens um Halbleitertechnologie, und ich habe meine Zweifel, ob ich hier richtig bin.
Draußen stehe ich im Regen, freue mich, dass das Uni-Rechenzentrum LABUFSC noch nicht im Streik ist, und nach dem Mittag mache ich noch wieder etwas Deutschunterricht für Carla, Marcela, Leandro und Fábio. Wieder geht es um Wegbeschreibungen, die Ilmenau-Karte aus dem Internet leistet gute Dienste, als ich die vier zwischen Kino, Kaufland, Mensa und Oec über die Straßen Ilmenaus lotse.
Nachmittags habe ich mit Franziska noch etwas im Café Robotertechnik gepaukt, als Cássia anrief: Das Rätsel um Prof. Schneider ist gelöst, morgen um 11 Treffen.
In Empreendedorismo überrascht Prof. Álvaro dieses Mal mit einer Gruppenarbeit: Stell Dir vor, Du bist auf dem Mond, 300 km von Deinem Mutter-Raumschiff entfernt, und sollst Dich nach einem Crash mit 15 Dingen, die er auf eine Liste getippt hat, zum Mutterschiff retten, und die Liste in eine Prioritätsreihenfolge bringen, u.a. Sauerstoff, Streichhölzer, Kompass, etc. Zunächst individuell, dann mittels Gruppenabstimmungsprozess innerhalb einer Vierergruppe.


Das Spiel mit der Mondlandung sowie eine pädagogische Erläuterung dazu gibt es auch auf Deutsch unter http://www.deutsch-netz.de/lehrproben/L002.doc

Am Interessantesten war dann die Auswertung: Wie gut war der beste Einzelne, und wie gut konnte dieser die Gruppe von seinem Ergebnis überzeugen? Gab es Leute, deren Einzelergebnis zuvor schon besser war als das Gruppenergebnis? Ach ja, ein Kompass und Streichhölzer sind wegen des fehlenden Magnetismus auf dem Mond und wegen dessen fehlender Atmosphäre denkbar unnütze Werkzeuge.
Danach gab es noch ein Spiel in zwei Zehnergruppen, die mit ähnlichen Informationen über die Strategie zur Tötung eines wiedergeborenen Dracula versorgt wurden. Innerhalb jeder Gruppe wurde ein Negociador, ein Verhandlungsführer gewählt. Dieser tauschte sich in unserem Fall mit dem Negociador der konkurrierenden Gruppe aus, um um Informationen zu pokern. Manchmal gab man dabei eine Information heraus, die die andere Gruppe noch nicht kannte, erntete aber nur eine bereits bekannte Information – und umgekehrt. Wer am schnellsten alle notwendigen Informationskarten hatte, konnte damit den schnellsten Weg einschlagen zur Tötung des Pfählers Vlad Ţepeş – aus einer alten Interrail-Legende bekannt als Dracula. Meine den Brasilianern überlegenen Ortskenntnisse im südlichen Transsylvanien konnten leider nicht punkten.

Terça-feira, Agosto 23, 2005

Ein ganz normaler Uni-Alltag

Da heute ein Tag wie jeder andere ist, berichte ich mal so über meinen Tagesablauf an der Uni: Wer pünktlich zur Vorlesung um halb neun erscheint, ist fast immer der erste und darf Prof. Raul bei seinen Kämpfen mit Beamer und Laptop erleben. Heute kündigt er eine Klausur an, für diesen Donnerstag, und bittet um pünktliches Erscheinen am Klausurtag. Dann tauchen wir mittels Rechter-Hand-Regel ein in die dreidimensonale Welt der Koordinatensysteme eines Roboters, die mit diversen Rotationsmatrizen verknüpft sind. Das ist sogar spannender als ich anfangs dachte, zumal man Prof. Raul wirklich gut versteht.
Um 10 treffe ich mich mit Vilson. Heute will er seinen Studenten in seinem Deutschkurs „99 Luftballons“ vorspielen, und er hat schon übersetzt, und fragt mich noch nach einigen Bedeutungen. Bei „und dass so was von sowas kommt“ kapituliere allerdings auch ich – einfach nicht zu übersetzen. Mittags treffen wir uns in der Verdilha – einem Kilorestaurant, wo wir auch im März häufiger waren. Danach geht’s dienstags immer in den Portugiesischkurs.
In PCP treffen wir uns heute in einem Computerraum der Technikfakultät, um unser Jogo zu spielen. Interessant ist, das es auf keinem der Schülerrechner das erforderliche MS Access installiert ist, und auf dem Lehrerrechner auch nur eine Altversion. So vergehen die ersten 20 Minuten damit, dass der Lehrer vorn Access 2003 installiert, während die Schüler im Netz surfen. Später stellt sich heraus, dass der Lehrerrechner nicht ans Netz angeschlossen ist. Klappt ja gut.
Abends treffen wir uns noch mit einigen Deutschen in der Weinstube Pipa, und als wir von unserem Erlebnis im Computerraum erzählen, berichtet Rebecca, dass in der Chemiefakultät die Bediensteten des dortigen Rechenzentrums streiken, und dort eine angesetzte Multimediastunde ausfallen musste. Alles Beleza an dieser Uni.

Segunda-feira, Agosto 22, 2005

Diese Tastatur bräuchte ich

Im Kampf mit verschiedenen Tastaturtreibern, beim Hin- und Herschalten zwischen portugiesischer und deutscher Tastatur, ist es ein Russe, der die entscheidende Idee hat: In Spiegel Online entdecke ich eine Tastatur namens Optimus, die sich ihre Symbole selbst einblendet: „Optimus is good for any layouts—Cyrillic, Ancient Greek, Georgian, Arabic—and so on to infinity: notes, numerals, special symbols, HTML codes, mathematical functions.“ heißt es auf der Homepage.


Jede Taste besteht aus Miniatur-Displays, die jegliche Symbole darstellen können.

Domingo, Agosto 21, 2005

Wal und Unfall

In der Nähe von Imbituba, ca. 70 km südlich von Florianópolis, wurden in der letzten Woche mehrere Walfamilien gesehen. Im Internet kann man sich anschauen, wo sie sich gerade befinden. Und so machen auch wir uns auf, den Baleia Franca zu suchen. Mit Markus Monza fahren Anna, Takuya, Markus, Franziska und ich nach Imbituba. Das dortige Walmuseum wirkt ein wenig verlassen, nach einem Telefonanruf wissen wir, wo heute Wale gesichtet wurden. Ein Strand weiter nördlich sehen wir nichts, also fahren wir noch einmal ca. 20 km weiter in den Süden, genauer gesagt in den Ort Itapirubá, ein verschlafenes Feriendorf. Dort steigen wir auf einen größeren Hügel, und tatsächlich sehen wir dort, entfernt und natürlich am anderen Ende des Strandes, zwei Wale. Leider springen sie nicht, weder zeigen sie ihre große Flosse, aber manchmal sprühen sie halt eine Wasserfontäne hoch oder tauchen wie ein U-Boot auf. Das Highlight des Tages, denken wir.


Eins von ca. 20 Fotos mit Wellen zeigt dann auch mal ein Stück Wal


Fotografiert von einem internationalen Wa(h)lbeobachter-Team

Da wir noch nichts gegessen haben, wollen wir zurück in einen historischen Ort in der Nähe von Floripa, und dort den Nachmittag verbringen. Dazu kommt es leider nicht, denn als sich 10 km vor Floripa auf der Küstenstrasse ein Stau bildet, kann Markus zwar rechtzeitig bremsen, und der Hintermann auch, aber ein zu schnelles Fahrzeug hinter uns knallt auf den Hintermann, Markus reißt blitzartig das Lenkrad herum und bringt Monza und uns auf dem Standstreifen aus der Einflugschneise, während der Unfallfahrer, Pilot eines weißen VW Gol, unsere hintere Stossstange nur touchiert und dann weiter links bremsend an uns vorbeischleudert und seitlich in den langsam vor uns fahrenden Jeep prallt.
Der Gol ist eigentlich nur noch Schrottwert, die Vorderachse ist gebrochen, so dass wir ihn mit den eingetroffenen Polizisten von der Policia Rodovia Federal von der Straße wuchten. Die nehmen von allen am Unfall beteiligten Fahrzeugführern Zeugenaussagen auf, mäkeln etwas, dass der europäische Führerschein doch wohl nicht soo sehr gültig ist (in Blumenau kann man damit ein Auto zulassen…), und ansonsten sind bis auf den Unfall verursachenden Gol noch alle Fahrzeuge fahrtüchtig, so dass wir uns auf den Heimweg machen.


Der Monza ist noch heil...

Abends treffen wir noch Steve in Lagoa, und diskutieren bei Lasagne über das brasilianische Versicherungssystem, welches nur die Personenschäden Dritter mit abdeckt, nicht aber Fahrzeugschäden.

Sexta-feira, Agosto 19, 2005

Brand im Mercado Público

Tja, das war´s auch schon an Neuigkeiten dieser Tage, an denen Franziska und ich auf dem Balkon sitzen und für PCP lernen. Dort soll es nächste Woche ein Spiel im Computerraum geben, und so wollen wir wenigstens ein bisschen technische Vokabeln lernen. Die vielen Zeitungsberichte über den Brand im Mercado Público rufen auch schon bald Spötter und Photoshop-Experten auf den Plan, so dass schon bald klar ist, dass keineswegs ein technischer Defekt den Brand ausgelöst haben könnte:


Brand im Mercado Público!

Abends gibt es Churrasco, und Humi, eine Freundin von Rika kommt aus Japan. Sie werden in der nächsten Woche das Amazonasgebiet erkunden. Abends surfen Felipe, Anna, Takuya und ich über die Welt: Mit Google Earth zeigen wir unsere Heimatorte und – universitäten. An die in Japan vorhandene Detailschärfe kommt Ilmenau definitiv nicht heran, wenngleich Ilmenau schon ganz gut aussieht:


Im Vordergrund der Kirchhoffbau und der Helmholtzbau

Quinta-feira, Agosto 18, 2005

Einweihungsparty im Strandhaus

Nachmittags war ich kurz mit Jürgen auf Zimmersuche, der bald nach Trindade ziehen wird. Abends war großes Wohnungseinweihungsfest bei Forsti und Steve im Strandhaus, und fast alle sind gekommen: Jürgen und Rebecca, Markus und Patricia, Takuya und Ingmar, Franziska und ich, Wilson und Marcelo (zwei Brasilianer, die letztes Jahr in Ilmenau waren) und drei der Kandidaten für 2006: Marcela, Karla und Leandro. Es gab Churrasco, was auch sonst. Jedoch außerdem mit Fisch, und diversen Salaten sowie von Forsti angefertigten Caipirinhas.


Für den neuen Hausherrn starben ca. 30 Hühner. Stolz präsentiert er ihre Herzen.

Billardtisch und Kicker luden zu binationalen Vergleichen ein, wir haben wahrscheinlich bis in den Morgengrauen gefeiert und den Brasilianern den äußerst einfach zu erlernenden Text von „Eigekühlter Bommerlunder“ beigebracht.

Quarta-feira, Agosto 17, 2005

Rätsel an Rikas Geburtstag

Nach der Vorlesung in Engenharia de Software wollte ich heute eigentlich in die Bibo, um etwas Produktionsmanagement zu lernen, aber daraus wurde nichts: Streik. Man stelle sich vor, in Ilmenau streiken die Bibo-Mitarbeiter. Gut, viele Zeitschriften, Aufsätze etc. gibt es inzwischen im Online-Archiv, aber in Brasilien? Der Streik ist bis auf weiteres, d.h. mindestens eine Woche.
Abends überrascht Prof. Álvaro in Empreendedorismo wieder mit Rätseln:

Ein Mathematiker besucht das Haus einer Kollegin, die drei Töchter hat. Er fragt sie nach dem Alter ihrer Töchter, und die Mathematikerin antwortet: „Multipliziert man die Alterszahlen jeder Tochter, so ergibt das Produkt 36.“ – „Es fehlen noch Informationen“, sagt der Mathematiker. Die Mathematikerin entgegnet: „Die Summe der Alterszahlen jeder Tochter ergibt meine Hausnummer!“ Der Mathematiker überprüft die Hausnummer des Hauses, überlegt, und antwortet: „Noch immer fehlen Informationen!" - Die letzte Information, die die Mathematikerin ihrem Kollegen verrät, lautet: "Meine älteste Tochter hat blaue Augen“. Wie alt sind die Töchter?

Es gibt genau eine eindeutige Lösung!
Wer mag, kann sich ja einmal daran versuchen…

Abends feiern wir Rikas Geburtstag im Iega (Sprich: Jäger). Das ist eine etwas größere Lanchonete in Carvoreira, und landen danach noch mit ner ganzen Menge an Leuten in der Republica. Es spielen Os Chefes, die eine wirklich gute Show machen. Auf dem Rückweg beginnt ein heftiges Gewitter, und wir machen uns schon Sorgen um die Wohnungseinweihungsparty von Forsti und Steve, die morgen endlich stattfinden soll.


Rika und Anna


Ângela, Takuya, Michiko und Eduardo

Terça-feira, Agosto 16, 2005

Festa de Caloures

Neben den Vorlesungen war dieser Tag geprägt von diversen Veranstaltungen für Erstsemestler, die Caloures. Mittags haben wir uns schon angeschaut, wie sich angehende Betriebswirte in Mehl einseifen lassen, und danach mit dem Gesicht in eine alkoholgetränkte Melonenhälfte tauchen, um dann mit Fingerfarbe bemalt Geld für den Abend zu sammeln, um älteren Studenten den Alkohol zu finanzieren.


Tja, noch lachen sie...


...dann kommt das Mehl ins Gesicht,..


...und dann schön mit dem Kopf in die Melone oder ins Mehlfass tauchen!


Bei den Wirtschaftsingenieuren geht es gesitteter zu, obwohl sicherlich kein Treueschwur auf die Studienordnung abgenommen wird.


Auch hier gibt es Getränke

Auf der abendlichen Veranstaltung für Wirtschaftsingenieure ging es dann deutlich gesitteter zu, hier wurde auf die Fingerfarben und das Mehl im Großen und Ganzen verzichtet, und das Bier war viel zu schnell alle. Viele Studenten kennen wir ja jetzt nicht nur über die Austauschkandidaten, sondern auch durch die Vorlesungen, und so kamen wir in nette Gespräche.
Markus hat es geschafft, ein Auto von der Mutter einer Kollegin zu kaufen, und zwar einen Chevrolet Monza, der aussieht wie ein Opel Ascona aus den Achtzigern.

Segunda-feira, Agosto 15, 2005

Immatrikulation

Heute ist Immatrikulation für alle Studienfächer für Ausländer. Für jedes Fach gibt es eine bestimmte Anzahl von Plätzen, die Brasilianer haben sich elektronisch vor Semesterbeginn eingeschrieben. Ausländischen Studenten werden einige Plätze reserviert, hier muss die Immatrikulation jedoch manuell an jeder Fakultät erfolgen. Ich belege Kurse an der Wirtschaftsingenieur-, an der Maschinenbau- und an der Informatikfakultät. Will sagen: Ich muss heute in drei Prüfungsämter rennen, und mich dort jeweils einschreiben. Da ich aber die Namen meiner Kurse kenne, weiß wann sie liegen und welchen Fächercode sie haben, geht das für mich relativ einfach. In der Schlange vor treffe ich einige unvorbereitete Portugiesen, die gerade feststellen, dass die Kurse, die sie belegen wollen, auf dem gleichen Termin liegen. Wer als Portugiese sein Auslandssemester in Brasilien macht, denkt natürlich ungefähr genauso weit wie ein Deutscher, der nach Österreich geht.
Am Nachmittag kaufe ich mir neue Schuhe, was mit einigen Verständnisschwierigkeiten verbunden ist: Als ich sage, ich benötige das von mir ausgesuchte Paar in Tamanho 44 oder 45, sind die Augen der Verkäuferin groß: So große Schuhe würden sie nicht führen, ihr größtes Paar sei 42. Nach kurzen Erklärungsversuchen haben wir dann herausgefunden, dass die brasilianischen Schuhgrößen minimal anders sind, und Tamanho 42 in Brasilien etwa Größe 44 in Europa entspricht. Offenbar hat der gemeine Brasilianer aber tatsächlich auch kleinere Füße, denn sonst würde es nicht bei meiner Größe aufhören. Selbst mein favorisiertes Paar hat sie nicht da, genauer gesagt muss sie lange suchen, bis sie ein Paar in 42 findet.
Abends kochen Franziska und Conny, und später treffen wir und noch mit Jürgen in einer Lanchonette im Zentrum.

Domingo, Agosto 14, 2005

Canela und Gramado

Heute stehen wir früh auf, denn der Reiseführer sagt, dass der Wasserfall von Canela nur morgens in der Sonne liegt. Da hat sich das frühe Aufstehen gelohnt, denn so wir können Conny, die ja schon in einer Woche wieder nach Hause fährt, wenigstens einen kleinen Eindruck von Foz de Iguaçu bieten. Das Wasser fällt ca. 130m nach unten, und man kann am Hang mehr als 900 Stufen nach unten steigen. Neureiche Paulistas (Bewohner aus São Paulo) versuchen sich in Stöckelschühchen, spätestens beim Wiederaufstieg bieten sie dann ein lustiges Bild.


Dieser Wasserfall fällt 130 Meter in die Tiefe


Größenvergleich Franziska vs. Wasserfall


Kraftvergleich Lok vs. Haus

Vorbei an einem Museum über den Eisenbahnunfall in Paris fahren wir nach Gramado. Franziska hatte in der Jugendherberge den Flyer einer Schokoladenfabrik entdeckt. Wir kommen an, und machen mal wieder so eine Betriebsbesichtigung im brasilianischen Stil: Eine Studentin erklärt zwei Minuten, und dann ist es vorbei. Die Schokolade wird zugekauft von Garota, und im Verkaufsraum kann man dann Pralinen kaufen. Ein echter Reinfall: Forstis Schokoladenbecher mit Schokokugeln entpuppt sich als schokoüberzogener Eisbecher, und Franziskas und meine Pralinen sind auch eher so im Stil wie Mars.


Der Mobilfunk findet Einzug in die Schokolandenindustrie

In Gramado finden die Vorbereitungen für die südamerikanische Oskar-Verleihung statt, und man erwartet brasilianische Kinostars. Also schnell weg. Auf dem Rückweg kommen wir noch einmal über eine Erdstraße, als wir aus der Serra zur Küste herabsteigen. Diese wird aber gerade konsequent zu einer Autobahn ausgebaut, so dass Teile bereits vierspurig freigegeben sind, andere Teile auf einer einspurigen Erdstraße mit Ausweichstellen am Hang herunterführen.
Zu Hause in Floripa angekommen, ist Delmo aus den USA zurückgekehrt und hat ein Notebook mitgebracht. Technik ist bekanntlich sehr teuer in Brasilien…


Serra gaúcha = Into the great wide open


Ausblick auf die Berge


heute: Erdstraße


bald: Autobahn

Sábado, Agosto 13, 2005

Aparados da Serra

Nach dem Frühstück mit den kleinen Enkelkindern aus der Pousada geht’s los in den Parque Nacional Aparados da Serra, wo wir den Cânion de Itaimbezinho besichtigen. Nach dem Parkplatz müssen wir an einer ins Nichts gebauten Touri-Information vorbeiwandern, bis wir nach etwa 2 Kilometern zum Cânion gelangen.


Am Eingang zum Nationalpark






im Nationalpark

Kleine Wasserfälle fallen von dem Plano Alto, der Hochebene herab, und stürzen etwa 600 Meter senkrecht in die Tiefe. Einige Verrückte wagen sich auch über die Absperrungen, um sich am Fels ablichten zu lassen, ich spare mir das lieber mal. Nachdem wir auf dem Rückweg über weitere Erdstraßen wieder Cambará do Sul passiert haben, wird plötzlich die Straße perfekt ausgebaut, und nach einem guten X-Salada in São Francisco de Paula erreichen wir unser Tagesziel Canela schneller als erwartet. Canela und die Nachbarstadt Gramado wurden in den Neunziger Jahren nach Vorbild aus den Alpen zu winterlichen Ferienorten ausgebaut, und sind entsprechend teuer. Nach einigen Verhandlungen überzeugt Forsti den Herbergsvater der Jungendherge, dass ein internationaler Studentenausweis einem internationalen Jugendherbergsausweis gleichkomme und wir somit etwas Rabatt bekommen, nachdem wir zuvor einige Pensionen fernab unserer Preisklasse ausgeschlagen hatten. Abends haben wir uns noch den Ort angeschaut und sind dann in einer gut eingerichteten Pizzeria, in der es aber auch nur mittelmäßig schlechte Pizza gab, gelandet.

Kirche von Canela

Sexta-feira, Agosto 12, 2005

Fahrt in die Serra Gaúcha

Für drei Tage haben wir Ângelas Auto gemietet, und zusammen mit Forsti und Conny fahren Franziska und ich heute in die Serra Gaúcha. Zum ersten Mal wird heute mein neuer Lonely Planet zum Einsatz kommen, der im Paket war, das vor ca. einem Monat ankam. Alle anderen Reiseführer taugen höchstens etwas für Leute, die in den Sommerferien in Brasilien Urlaub machen und in höherklassigen Hotels unterkommen. Wer aber mit studentischem Budget ein Jahr lang Brasilien bereist, wird um einen Lonely Planet (oder um die neu erschienende deutsche Variante ReiseKnowHow) nicht herumkommen.
Bis kurz vor der Grenze zu Rio Grande do Sul, dem südlichsten brasilianischen Bundesstaat, bleiben wir auf der gut ausgebauten Hauptstraße an der Küste entlang. Dann biegen wir ab, und schon nach wenigen Kilometern hört der Asphalt auf.


Eine Erdstraße führt die Berge hinauf


Grenze zwischen Santa Catarina und Rio Grande do Sul


Der Palio am Gipfel

Fahrerin Franziska und ihr unerschrockener Fiat Palio bewältigen eine steile Bergstraße. Je weiter wir nach oben kommen, desto steiler und nebliger wird es, und als wir die Grenze zum Gaúcho-Bundesstaat überqueren, ist die Sichtweite nicht viel weiter bis über die Motorhaube hinaus. Irgendwann kommen wir in unserem Tagesziel Cambará do Sul an. Hier gibt es immerhin Kopfsteinpflaster auf den Straßen, wenngleich die Stadt an eine kalte Westernstadt erinnert. Wir kommen in einer familiär geprägten Pousada unter, und lassen uns vom Familienvater ein Restaurant empfehlen, nachdem wir nur verstaubte und wenig Vertrauen erweckende Lancherias (so heißen Lanchonettes bei den Gaúchos) entdeckt hatten. Das Restaurant, O Casarão, liegt etwas versteckt, und wir haben in der nebligen Atmosphäre ein wenig Mühe, es in den dunklen Straßen zu finden. Innen erwarten uns eine schöne Einrichtung, beste Atmosphäre, und ein Buffet für 13 Reais. Von Linsensuppe über selbstgemachte Maccharoni bis zum Flugsaurier (Forstis Bezeichnung für ein Hünchenschnitzel auf meinem Teller) ist alles dabei.


Für dieses Essen bezahlten wir zu viert etwa 20 Euro incl. Wein und Saft

Auf dem Rückweg war es mächtig kalt geworden, außerdem stellte ich fest, dass meine Schuhe und deren Sohle sich in den nächsten Tagen trennen werden.

Quinta-feira, Agosto 11, 2005

Ângelas Geburtstag

Eigenartigerweise gibt es in Industrierobotertechnik gar keine Präsentationen mehr. Die beiden noch fehlenden Gruppen haben ihre Präsentationen noch nicht fertig. Dafür gibt es für uns noch mal einen Ausflug in die Grundlagen der Kinematik: Definition von Koordinatensystem und Orientierung im Raum. Was ich bei Mettke in Ilmenau nicht verstanden habe, kann Prof. Raul Guenther auf Portugiesisch besser erklären als Mettke auf Deutsch.
Am Nachmittag ist erstmals Sprachkurs, und es gibt Textbearbeitung. Furchtbar. Ich hätte gern noch ein bisschen mehr Grammatikwiederholung gemacht.
Abends feiern wir den Geburtstag von Gastmutter Ângela. Batinga, ein Verwandter kommt vorbei, um das Churrasco vorzubereiten. Wir ausländischen Gastkinder und Eduardo schenken ihr eine Forró-DVD, Rocher und eine Flasche Wein.


Angela mit ihren "Kindern" Markus, Franziska, Rika, Marcus, Eduardo und Takuya


noch mehr...


Julia ist drei und Ângelas Nichte


Rika und Takuya singen mit einer weiteren Japanerin ein japanischen Geburtstagslied

Spät abends landen wir noch in der Republica, aber bleiben nur kurz, weil die Band nicht gut ist.

Quarta-feira, Agosto 10, 2005

Treffen mit Profa. Leila

Der gut organisierte Prof. Ricardo aus Engenharia de Software lässt auf sich warten. Ob es am Regenwetter liegt, dass er krank ist?
Um 11 treffen wir uns mit Profa. Leila. Man mag es kaum glauben, das erste offizielle Treffen mit der betreuenden Professorin. Sie erkundigt sich, wie es uns im Praktikum ergangen ist, welche Kurse wir gewählt haben usw. Nach 20 Minuten ist alles vorbei.
Abends in Empreendedorismo legt Prof. Álvaro ein Quiz auf, um unsere Unternehmereignung zu testen. Es wird z.B. gefragt, ob man ein Unternehmen mit Fachleuten oder mit alten Freunden gründen würde, ob man immer am Ort geblieben ist oder einige Male abrupte Ortswechsel, z.B. bei der Studienplatzwahl vorgenommen hat, etc. Trotz aller Anstrengungen komme ich auf nur auf 138 von (ich glaube 300 Punkten), erst ab 150 Punkten beginnt die Bewertungsskala. Aber auch die meisten brasilianischen Kommilitonen bleiben unterhalb von 150 Punkten.

Terça-feira, Agosto 09, 2005

Regen und Präsentation

Schon gestern hat es den ganzen Tag über geregnet, aber heute ist Weltuntergang. Die Gullideckel auf dem Campus quillen über, mein immerhin acht Reais teurer Regenschirm wurde vom Wind zerrissen, und in Winterjacke und dickem Pullover komme ich in die Industrierobotertechnikvorlesung. Von sechs Gruppen haben nur zwei Gruppen und ich eine Präsentation erstellt. Die anderen Gruppen sind nicht da, es ist ja schließlich schlechtes Wetter. Andere Ausreden lauten: Derjenige, der die CD hat, ist nicht da, wir warten noch auf unseren vierten Mann, …
Ich bin als dritter dran und stelle nicht nur die Modelle vor, sondern bin auch der einizge, der zumindest zwei Wörter darüber verliert, dass so ein Roboter auch Sensoren oder gar Software benötigt (z.B. Gewichtssensoren, ein Beispiel dazu: Wird programmiert, dass der Roboter eine 100g schwere Last transportieren soll, kann man mit größeren Beschleunigungswerten arbeiten als bei einer 2kg schweren Last. Also muss der Roboter zumindest aus Sicherheitsaspekten über ein Gewichtssensor verfügen, falls durch einen Benutzerfehler 100g eingegeben wird, die Steuerungssoftware dafür die Wege und Verfahrgeschwindigkeiten berechnet, sollte der Roboter erkennen, wenn er tatsächliche eine 2kg schwere Last anhebt, um sich nicht selbst zu beschädigen.)
Naja, wer mehr über Roboter von ABB wissen will und der portugiesischen Sprache mächtig ist, kann sich ja mal die Präsentation anschauen:

Klick auf Bild führt zur Powerpoint-Präsentation (2MB)

Die Sprachkurse finden heute noch nicht statt, dafür beweist Prof. Dalvio, dass er mit Kreide werfen kann, als ein paar seiner Schüler in der letzten Reihe quatschen.
Als wir zu Hause ankommen, sitzt Eduardo vor dem Fernseher, in Schlafkleidung. Não tens que trabalhar hoje? – Musst du gar nicht arbeiten heute? Nein, er habe auf der Arbeit angerufen, heute sei es kalt und regnerisch, da bleibe er zu Hause. War offenbar kein Problem…

Segunda-feira, Agosto 08, 2005

Präsentation vobereiten

Meinen von Helvio durchgesehenen Praktikumsbericht, die Bewertungsbögen und den ganzen Formularkrempel aus dem Praktikum habe ich heute bei Cássia abgegeben. Danach habe ich mich weiter, bewaffnet mit einigen Büchern über Industrierobotertechnik und der ABB-Homepage in der Bibo um meine Präsentation gekümmert.

Domingo, Agosto 07, 2005

almoço musical

Die Studentengemeinde hat heute eingeladen zum almoço musical, zum musikalischen Mittagessen. So ein Hit ist es nicht, Franziska und ich lassen uns nur kurz zum Mittag dort blicken und Cássia bricht wie immer in Lachanfälle aus. Meine Präsentation für Industrierobotertechnik beschäftigt mich den ganzen Nachmittag, und abends verabreden wir uns mit Rebecca und Jürgen und Steve, Forsti und Conny in der Pipa, der Weinstube von Trindade. Geschlossen. Zwei andere Kneipen auf dem Weg haben auch zu. Ist ja auch schlechtes Wetter, weshalb sollte man dann eine Kneipe öffnen? So landen wir schlussendlich in einer Lanchonette in Trindade, bei der der Orangenvorrat nur für drei frisch gepresste O-Säfte reicht.

Sábado, Agosto 06, 2005

Wanderung und Wetterumbruch

Bei allerbestem Sonnenschein packen wir Badehose und Sonnenmilch ein, um uns mit der Studentengemeinde zum Wandern zu treffen. Als wir am TITRI ankommen, sind bereits etwa 30 Leute da, so dass wir auf der Fahrt zum TIALG fast alle im Bus gequetscht stehen müssen. Dort stoßen weitere Leute dazu, unter anderem Steve, Forsti und Conny, aber der Anschlussbus fährt nicht: Die Abfahrtszeiten wurden vor einigen Wochen geändert, aber der Internetfahrplan nicht aktualisiert. Nun, mit einer Gruppe von 40 Leuten ist so etwas an einem Samstagmorgen relativ schnell zu lösen: Wir sind an einem Terminal, es stehen ein paar Busse und Fahrer herum, und kurzerhand wird für uns ein eigener Bus bereitgestellt. Dar um jeito. Schnell eine Lösung finden. In Brasilien häufig einfacher als man denkt. Die Wanderstrecke ist die gleiche wie die Wanderung, die ich schon vor einigen Wochen, genauer am 15. Mai gemacht habe: Costa de Lagoa. Nur sind es diesmal 40 statt 20 Leutchen.


Fischerdorf Costa de Lagoa

Wieder waren wir am Wasserfall und in der alten Mühle, als wir jedoch gerade in der Bar am Ende der Wanderstrecke saßen, kam plötzlich Wind auf, Wellen schlugen über die Lagoa, und es wurde schlagartig kalt. Der Wind blies leere Gläser von den Tischen, und die Kellner hatten alle Mühe, das Geschirr zu retten, bevor der Wind noch stärker wurde. Das Baden fiel somit förmlich ins Wasser, und wir telefonierten ein größeres Boot herbei, welches alle Wanderer aufnehmen konnte.


Kalt in der Bar


Wenn Dein Stern nicht strahlt, versuche nicht, meinen zu bezahlen

Zurück im Centrinho von Lagoa, gibt es am TILAG eine Riesenschlange von Leuten, die an der Joaquina oder an der Mole surfen oder am Strand waren, vom Wind überrascht wurden und jetzt alle möglichst schnell zurück ins Zentrum wollen. Also reagiert die Busgesellschaft wieder flexibel und stellt einen weiteren Bus bereit.
Abends gehen wir noch mit den Rika und Takuya sowie Eduardo und ein Bekannten von ihm in eine Kneipe in der Innenstadt. Mit dem Ergebnis, dass die Cachassaria da Ilha auch so ein teurer Nobelschuppen ist und wir nach wie vor keine wirklich alternative oder gute Kneipe kennen.

Sexta-feira, Agosto 05, 2005

Besuch bei Olsen

Eigentlich wollte ich ja den Direktbus direkt morgens um 7:30 Uhr vom TICEN nehmen, aber irgendwie bin ich doch wohl etwas länger im Bett geblieben, so das ich mit einem Tingelbus durch São José fahre, und erst gegen 9 Uhr bei Olsen ankomme. Von Personalchef Névio erhalte ich mein Geld für den letzten Monat, und meine Überstunden werden mir sogar ausgezahlt. So erhalte ich ein paar Reais mehr als ich erwartet habe, von einem Geldsegen kann man aber keinesfalls sprechen: Es sind 2,50 R$ pro Stunde...
Helvio hat meinen Praktikumsbericht noch auf seinem Tisch liegen, und natürlich noch nicht gelesen. Aber er nimmt sich sofort Zeit, plaudert noch ein bisschen und ist in bester Freitagslaune. Meine Feststellung im Fazit des Berichtes, die ich nach dem deutschen Sprichwort „Die Glühbirne wurde nicht durch die kontinuierliche Weiterentwicklung der Kerze erfunden“ ins Portugiesische übersetzt habe, notiert er sich aus meinem Bericht auf die erste Innenseite seines Terminkalenders: „A lampâda elétrica não foi inventada pelo desenvolvimento contínuo da vela“.
Mein Bewertungsbogen, mit dem das Unternehmen auf einem UFSC-Formular die Leistungen des Praktikanten mit Noten zwischen 1 und 10 bewertet, fällt durchweg zwischen 9 und 10 aus. 10 ist die beste Note, so dass ich auf einen Mittelwert von 9,5 komme.
Alles beleza. Ich mache mich auf den Rückweg, wieder gibt es keinen Direktbus, und erst recht keinen Claudio, bei dem ich Carona nehmen könnte. Also muss ich wie an den ersten beiden Arbeitstagen bei Olsen mit dem Bus zurückfahren. Der Slum, durch den der Bus fährt, ist etwas größer geworden, prompt wurde die Busline erweitert, so dass ich geschlagene 1h 20 min zum TICEN brauche, dort in einen UFSC Semidireito springe und beinahe pünktlich zum Mittagessen mit Franziska, Steve, Rebecca, Jürgen, und den Neuankömmlingen aus Blumenau, Forsti und Conny, in einem verabredeten Kilorestaurant eintreffe.
Nach dem Mittag versuche ich mit Franziska Schuhe für die morgige Wanderung zu finden, aber weder im Beira-Mar Shopping Center noch im Camelodromo (ein anderer Name für den Mercado Público im Zentrum finden wir etwas passendes, so dass für die Wanderung morgen wohl Franziskas gute Schuhe herhalten müssen. Was solls, regnen wird’s eh nicht, denn das Wetter ist seit Tagen allerbest. Abends treffen wir uns noch kurz mit Steve, Forsti, Conny und Jürgen in der Lagoa. Sie hatten den Tag bereits am Strand verbracht, und sind einigermaßen cansado. Da bis auf Jürgen morgen alle wandern werden, machen wir uns einen ruhigen Abend.

Quinta-feira, Agosto 04, 2005

Sprachtest

Nach der Industrierobotertechnikvorlesung war heute der Sprachtest, zum „Nivelamento“. Neben den ganzen Franzecken, die übrigens mit 15 Leuten angereist sind und alle aus Lyon kommen, lernen wir zwei weitere Deutsche kennen: Rebecca und Jürgen. Jürgen ist fast fertig ausgebildeter Erdkundelehrer und macht noch einen Aufbaustudiengang Informatik, und Rebecca studiert Chemieingenieurwesen.
Der Sprachtest ist relativ einfach, man muss Inhalte aus einer Geschichte mit Multiple Choice erkennen, ein paar Verben in einer Geschichte in der richtigen Zeitform konjugieren und eine kleine Geschichte schreiben.

Quarta-feira, Agosto 03, 2005

Kurze Vorlesungen und langes Churrasco

Vorlesungen morgens um 7:30 Uhr erinnern an Ilmenauer Verhältnisse. Prof. Ricardo Pereira e Silva, der Engenharia de Software liest, ist einer der am besten organisierten Brasilianer, die ich je erlebt habe. Steve sagt später, dass Softwareingenieure überhaupt immer sehr organisiert sind. So hat die obligatorische Anwesenheitsliste zum Unterschreiben bei ihm zwei Spalten pro Tag: „Das ist fair“, führt Prof. Ricardo an, „wenn Ihr mal zu spät kommt, bekommt Ihr bei mir nur eine SWS abgezogen. Aber wer immer zu spät kommen, und dieses Fach hat 3 SWS, kommt nicht auf die erforderlichen 75% Anwesenheitspflicht.“ Nach einer kurzen Einführung über die Notwendigkeit und Geschichte des Software Engineering ist Schluss, und meine nächste Vorlesung ist erst abends wieder. So bleibt mir den Tag über Zeit, mich in der Bibo mal um das Referat in Industrierobotertechnik zu kümmern. Abends um 18:30 Uhr ist dann Empreendedorismo, neudeutsch Entrepreneurship. An den Dialekt von Prof. Álvaro Rojas Lezana muss ich mich wohl erst noch gewöhnen, nach einem kurzen Überblick, welche ethischen Anforderungen an Unternehmer und Unternehmen gestellt werden, ist aber dann Feierabend.
Zu Hause angekommen gibt es noch einmal Churrasco. Da Delmo morgen für seinen Arbeitgeber Deggy in die USA fliegt, wird Batinga das Churrasco machen, damit Delmo Koffer packen kann. Unter den Gästen sind auch Annes und Annas Eltern. Der Vater von Anna erzählt mir spannende Geschichten (teils auf Deutsch, teils op Nederlands) aus dem Pantanal-Reservat, wo sie im Urlaub waren. Irgendwann treffen noch die französischen Freundinnen von Aurore ein, und auch Delmo kann nicht mehr länger zusehen, und übernimmt die Kontrolle an den Churrascospießen.


Franziska mit Cécile und Aurore aus Frankreich und Takuya

Terça-feira, Agosto 02, 2005

Boas Aulas

Um 8:20 Uhr beginnt die erste Vorlesung: Introdução à Robótica Industrial = Einführung in die Industrierobotertechnik. Den Professor kenne ich, es ist der Vater von Felipe, bei dem wir vor ein paar Wochen zu Hause auf der Geburtstagsfeier waren. Es gibt ein paar einleitende Worte, und dann geht es mit dem Stoff los. Weiterhin zeigt er per Notebook und Beamer einige Videos, in welchen Branchen Industrieroboter für welche Aufgaben eingesetzt werden. Bisher wusste ich keinen wirklich plausiblen Grund, warum in unserem Austauschprogramm das Praktikum vor dem Studium an der UFSC liegt, jetzt weiß ich ihn: Alle Vokabeln, z.B. für Herstellungsprozesse, hatte ich im Praktikum gelernt, so dass ich dem Prof (sein Name ist übrigens Raul Günther) ohne großen Konzentrationsaufwand folgen konnte. Ich melde mich freiwillig für ein Referat, nächste Woche eine kleine 10-minütige Präsentation über Industrieroboter von ABB zu halten.


Lackierroboter von ABB

Mittags war die Einschreibung in die Sprachen, wo wir auch die Französin, Aurore, wieder treffen. Wahrscheinlich alle ausländischen Studenten stehen hier an, um sich für Português para Estrangeiros (Portugiesisch für Ausländer) einzuschreiben. Am Donnerstag wird es einen Sprachtest geben.
Nachmittags war die Vorlesung Produktionsmanagement, die hier Planejamento e Controle da Produção heißt. Der braungebrannte Professor Dalvio Ferrari Tubino preist sein Buch an, und spricht ansonsten ziemlich schnell. Von der Vorlesung habe ich nicht viel mehr verstanden als die Unterscheidung zwischen strategischer, taktischer und operativer Planung und Unterschieden von Massen- oder kontinuierlichen Gütern, Losproduktion in kleinen Auflagen und Einzelteilproduktion. Wieder hilft das Olsen-Wissen, zwangsweise vorhandene Lücken in der portugiesischen Sprache einigermaßen zu flicken.
Am Abend gibt es ein kleines Churrasco. Die Schwester von Ângela hat Geburtstag, Ângela wird bald Geburtstag haben, da bietet sich das an.


Ich bin ein Spießer!

Segunda-feira, Agosto 01, 2005

Boa Praia

Heute beginnt die Uni. Oder zumindest das Semester, denn ich habe mir keine Kurse auf den Montag gelegt. Bei allerbestem Wetter schauen Franziska und ich mal bei Cássia vorbei, und treffen dort auch auf die anderen üblichen Verdächtigen. Wir müssen uns manuell für unsere Kurse immatrikulieren, während brasilianische Studenten das elektronische Einschreibesystem nutzen.
Apropos einschreiben: Franziska muss ja noch an der Uni immatrikuliert werden. Also zunächst ins Auslandsamt, wo alles locker abläuft. Nach dem Mittagessen in der Estrela, einem Kilorestaurant, fahren Franziska, Markus, Steve und ich mit dem Fusca bei der Policia Federal vor, um Franziska zu registrieren und für alle anderen die inzwischen fertigen Plastikkarten abzuholen. Das ist eine Art Personalausweis für in Brasilien lebende Ausländer.
Am Nachmittag lockt uns dann das Wetter an den Strand, und wir inspizieren mal den südlichen Teil der Praia Joaquina, die ja nun beim Steve mehr oder weniger im Garten liegt. Es sind dann aber doch noch ein paar hundert Meter zum Strand. Für mehr als zum Füße hereinhalten ist das Wasser aber definitiv zu kalt. In Ângelas zweiter Wohnung, wo auch die Holländerin Anna wohnt, ist noch eine Französin, Aurore, eingezogen, die Werkstoffwissenschaften studiert.