Marcus in Brasilien

Segunda-feira, Maio 30, 2005

Studentenproteste

Als ich morgens am TICEN ankomme, ist dort großer Ausnahmezustand: Schüler und Studenten organisieren gerade sehr effektiv eine Sitzblockade auf der Hauptverkehrsstraße vor dem Busbahnhof.
Hélvio schärft mir auf der Arbeit ein, der Desbobinador müsse kein verkaufsfähiges Produkt werden – ich solle noch einfacher konstruieren.
Abends treffe ich Sebastian, er hat Kartoffelsuppe gekocht. Im Fernsehen bringen sie Bilder von der Studentendemo: Proteste gegen die neuen Buspreise.
Luiz ist in Bahia auf einer Anwaltskonferenz und ich muss erst einmal ausschlafen.

Domingo, Maio 29, 2005

Rückfahrt

Im Bus laufen nur Schrottvideos, also habe ich ausgeschlafen. In Floripa angekommen wurden die Buspreise von 1,60 auf R$ 1,75 angehoben. Ist mir egal, ich fahre auch feiertags mit meinem Vale Transporte.


Curitiba: Was eine große Rodoviária ist, hat ein Terminal für Inter- und Intrabundestaatenbusse

Sábado, Maio 28, 2005

Oscar-Niemeyer-Museum

Heute um 8 sollte es zur Ilha do Mel gehen, der Honiginsel an der Küste Paranás. Leider waren für den historischen Zug schon alle Tickets ausverkauft – da wissen wir fürs nächste Mal, dass wir uns die vielleicht vorher besorgen sollten.


An einer anderen Wand hingen sechs Gummistiefel...

Aber Curitiba bietet ja auch eine ganze Menge, und so haben wir das Oscar-Niemeyer-Museum besichtet. Erwartet haben wir ein Museum über das Werk des bekanntesten brasilianischen Architekten, geboten bekommen haben wir ein Museum allerlei Gerümpel. Niemeyer hat nur das Museum entworfen, und das ist also nur von außen sehr schick:


Oscar Niemeyer war hier nur Architekt

Im historischen Zentrum haben wir zu Mittag gegessen, und danach in einem der Stadtparks entspannt. Abends haben wir in der Jugendherberge noch einen Schweden namens Daniel getroffen, der in Paris studiert. Ohne ein Wort Portugiesisch allein in Brasilien Urlaub machen – das ist schon krass. Mit ihm waren wir im Pub und im Schwarzwald – zwei Kneipen im historischen Viertel.

Sexta-feira, Maio 27, 2005

Curitiba

Nach dem „Frühstück“ im Hotel Vitoria (1,50 Reais extra, das kann nicht viel gewesen sein) haben wir mal in die Uni hereingeschaut, und einen netten Hörsaalspruch notiert:


Deutscher Schumachinho ist ein Eierlutschmäulchen

Danach haben wir uns schleunigst auf Hotelsuche begeben. Irgendwie wollte das nicht so recht gelingen, wir warfen Blicke in einige Billigabsteigen (wahrscheinlich nachts ein Rotlichtviertel), und sahen Luxushotels mit 80 Reais pro Nacht. Wo sind normale Zimmer, die 20 Reias pro Person kosten? Zufällig fanden wir die Jugendherberge in der Nähe des Shopping Estação (der alte Bahnhof ist jetzt Shopping Center – Wischmeyer: „Und irgendwann fährt gar kein Zug mehr ab vom Bahnhof und niemandem fällt es auf.“). Hier haben wir uns im dormatório, dem Schlafsaal eingemietet. Inzwischen wurde es Zeit, unsere Nachhut von der Rodoferroviária abzuholen: Markus und Christian trafen ein, und nach einem weiteren Eincheckmanöver in der Jugendherberge sind wir dann zum botanischen Garten gefahren (der heißt mehr als er ist, das ist eigentlich nur eine Grünfläche mit zwei Rosenbeeten), und nach einer Bus-Irrfahrt bei der Ópera de Arame, einem Freilufttheater angekommen. Hier war aber eine Graduationsfeier, so dass wir nicht reinkonnten, dafür haben wir im Bus eine portugiesische Studentin kennen gelernt, die in Rio studiert.


Das Glashaus im Hintergrund ist wohl neben diesen smarten Herren die einzige Attraktion des botanischen Gartens.

Abends standen weitere minutenlange Studien über die Warteschlangenbildung in einem kleinen Supermarkt auf dem Programm, unterbrochen von einem Supermarktpacker, der mit seinem Hubwagen etwa genau so lange brauchte, eine Palette einzuparken.


Historisches Zentrum - das ist wirklich schön. In der Bildmitte sind übrigens zwei omnipräsente brasilianische Telefonzellen zu erkennen - die orelhões (Riesenohren). Ich habe es schon mal geschafft, dagegen zu laufen, als ich telefonieren wollte - sie sind einfach zu niedrig angebracht.

Später durften wir auch tatsächlich das historische Zentrum entdecken, wo wir noch in einer Kneipe waren. Nach einer Stunde descansar in der Jugendherberge sind Steve, Christian und ich noch mal auf Kneipen- und Diskosuche gegangen, aber wieder in einer ähnlichen Videoké-Bar wie gestern gelandet. Abends finden die Partys wahrscheinlich weiter außerhalb des Zentrums statt. Schade eigentlich.

Quinta-feira, Maio 26, 2005

um pequininho quartinho

Nach dem Frühstück in der Pousada Schulz sind Steve und ich über Umwege zur Rodoviária gelangt. Da trifft man noch mal einen Deutschstämmigen, der uns erzählt, dass seine Tochter Architektur in Aserbaidschan studieren will, geht am Feiertag in einen Hipermercado, und gelangt mit dem Stadtbus schließlich zur Rodoviária.


Landschaft zwischen Joinville und Curitiba: Seen und hohe Berge

Durch das Gebirge geht es in zweistündiger Busfahrt in die Hauptstadt des Bundestaates Paraná. Curitiba hatte 1857 zehntausend Einwohner, 1950 etwa 300.000, und zählt heute mit 1,6 Millionen Einwohnern zu den größten Städten Südbrasiliens. In den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wuchs die Stadt schlagartig, und es gelang, ein vorbildliches Verkehrssystem sowie ein Programm zur Rettung der historischen Altstadt umzusetzen.


Glasschläuche als Bushaltestellen, wo die Busse passgenau anhalten und sich dann die Türen öffnen

Wir kommen an der Rodoferroviária an (ja, hier gibt es auch eine Eisenbahn), und machen uns auf Quartiersuche. Mit Hilfe einer ausgedruckten Liste mit Pousadas kommen wir nicht weit, und finden ein Hotel in der Nähe der Kathedrale. Eigentlich hätten wir schon beim Preis von 10 Reais pro Nacht und Person stutzig werden müssen, haben das Zimmer jedoch dann genommen. So musste der Dosensammler, der kurz nach uns ankam und um pequininho quadrinho (ein kleinstes Zimmerchen) suchte, leider diese Nacht auf der Straße verbringen. Das Zimmer war also in einer Absteige für die unteren Ebenen der brasilianischen Gesellschaft. Die Herbergsmutter war durchaus herzlich, aber nicht auf Gäste wie wir eingestellt. Nun wissen wir, warum man manchmal eben doch 20 Reais die Nacht zahlen sollte.
Am Nachmittag haben wir dann die Kathedrale besichtigt, von wo aus gerade die Fronleichnamsprozession gestartet war. Evtl. war Margot Honecker auch da, zumindest haben wir eine Frau gesehen, die ihr auffällig ähnlich sah.


In der Einkaufsmeile Rua quinze gab es mal eine Straßenbahn

Leider sind wir danach in die falsche Richtung gelaufen, und haben das historische Zentrum genau verfehlt. Auf der Frage nach dem Weg haben wir aber zwei Studentinnen aus Londrina kennen gelernt, die auf irgendeinem Kongress in der Stadt waren. Larissa und Klara sind sehr angenehme Leute, vor allem deshalb, weil sie auf unsere Herkunftsangabe nicht mit „Schumacher“ oder „Heil H…er“ reagierten, sondern man sich mit ihnen einfach gut unterhalten konnte.


Marcus, Karla, Steve und Larissa

Nach einer Pizza in der Kneipenstraße Rua 24 horas wurde es ziemlich kalt, um uns auf dem Rückweg aufzuwärmen sind wir noch in einer abgeschrammten Videoké-Bar gelandet, es hatte auch wegen dem Feiertag irgendwie nichts geöffnet.
Im Hotel Vitoria haben wir dann ernsthaft überlegt, aus hyginenischen Gründen angezogen zu schlafen.
Mehr zu Curitiba und dessen Verkehrssystem auf Wikipedia.


Ein Penner im Hotel Vitoria, wo morgens die Sonne durchs undichte Dach scheint

Quarta-feira, Maio 25, 2005

Joinville

Heute habe ich mein Notebook zu Hause gelassen, denn heute soll unser großer Ausflug über Joinville und Curitiba zur Ilha do Mel (Honiginsel) beginnen. Schließlich ist am Donnerstag Fronleichnam, und der Freitag ist in Brasilien ähnlich wie in Deutschland ein beliebter Brückentag. Bei Olsen müssen alle Mitarbeiter Zeitausgleich nehmen. So ein Tag auf der Arbeit ohne eigenen Rechner ist natürlich saumäßig langweilig, ich habe mir wieder freie Rechnerarbeitsplätze suchen müssen und begonnen, meinen angefangenen Praktikumsbericht ins Portugiesische zu übersetzen. Da ein Mittwoch vor einem langen Wochenende quasi ein Freitag ist, haben mir häufiger mal ein paar Kollegen über die Schulter geschaut und Ausdrucksfehler korrigiert.
Pünktlichst um sechs bin ich wieder mit Wanderlei Richtung Norden gefahren. Dieses Mal hat es nicht geregnet, so dass wir gut durchgekommen sind und er mich bis Joinville mitgenommen hat. Am Dienstagabend hatte ich nicht nur etwas Deutsches Bier für Wanderlei gekauft, sondern auch via Internet-Telefonie die Pousada Schulz klargemacht. Hier treffe ich Steve, der schon mit einigen Kollegen aus Jaraguá do Sul hochgekommen ist. Christian geht am Donnerstag noch auf die Hochzeit eines Kollegen in Blumenau, und auch Markus ist wieder fit, beide werden aber erst am Freitag in Curitiba zu uns stoßen. Steves Kollegen treffen wir in einer Kneipe in der Nähe des Mueller Shopping wieder. Einige von ihnen kenne ich schon aus Blumenau, inzwischen kann ich mir auch ihre Namen merken: Clodoaldo, Cristiano, Vinicio und Andrei. Zumindest Clodoaldo und Cristiano parecem muito alemão, sehen ziemlich Deutsch aus. Vinicio ist so ein Typ Ossistent, und fährt einen alten Ford Pampa (eine Art Escort mit Ladefläche), mit dem er andere Autofahrer zur Weißglut bringen kann, indem er ihnen im Schneckentempo die Vorfahrt nimmt. Wir waren mit ihnen noch in einer netten Studentendisko, wo eine Rockband aktuelle brasilianische Musik coverte, und in den Pausen wie so oft auf Techno umgeschaltet wurde.

Segunda-feira, Maio 23, 2005

Kalt auf der Arbeit

Als ich aufwache ist es auch zu Hause kalt. Ich drehe die Duschbrause ausnahmsweise auf Super Quente. Unsere Duschbrause zu Hause hat nämlich sogar vier Stufen: Aus, Moderado, Quente und Super Quente. Als ich in Brasilien angekommen bin, stand sie auf Moderado, und ich habe gedacht, die Brasilianer sind verrückt, wenn sie so heiß Duschen. Inzwischen ist das Haus ausgekühlt und die Zuflusstemperatur des Wassers sicherlich auch einige Dekaden kälter.


Die Dusche im Hermman ist abenteuerlich verkabelt. Vor dem Umschalten der Temperatur Dusche aussschalten!

Heute ist es auf der Arbeit auch kalt, es gibt natürlich keine Heizung. Also sitzt der brasilianische Bürobesatzer in Pullover und Jacke auf der Arbeit. Tudo tranqüile.

Domingo, Maio 22, 2005

Kalt

Als Steve und ich im Hermann aufwachen, ist es einfach nur kalt. Nach dem Frühstück besichtigen wir aus lauter Verzweiflung noch das Dr.-Hermann-Blumenau-Mausoleum, und fahren dann zur Rodoviária. Inzwischen ist es richtig warm geworden, so dass man in kurzer Hose herumlaufen kann. Leider ist der Bus nach Florianópolis kein Semi-Direito, sondern ein Pinga-Pinga, ein Bus, der jedes Dorf abklappert. Ist aber auch egal, denn ich schlafe ein und muss von der Besatzung am Rodoviária in Floripa geweckt werden. Zu Hause angekommen wird es dann richtig kalt, und ich schaffe es mit letzter Kraft, folgende Zeilen zu verfassen, bevor ich mich hinlege:
Hallo,
nur ganz kurz: Wir waren am WE in Blumenau, haben Edgar wieder getroffen und es wird tagsüber richtig warm (kurze Hose möglich), und jetzt sitze ich hier abends im dicken Norwegerpulli im unbeheizbaren Haus und frier mir den Ast ab.
Nun ja, ich schreibe dann morgen mal einen langen Bericht, lege mich jetzt ins Bett, aber nicht ohne ein Foto von der Ilha de Santa Catarina, auf der ich lebe, ins Netz zu stellen. Es ist von der Raumstation ISS aufgenommen worden:

Sábado, Maio 21, 2005

Russendisko

„Anne, das beste am Hermann ist das Frühstück. Dafür lohnt frühes Aufstehen“. Ist ja richtig, aber die Nacht war kurz, aber dennoch sind Steve und ich nach einem ausgiebigen Frühstück wieder in der Lage, eine kleine Blumenau-Führung zu veranstalten. Kathedrale, Biergarten, Caféhaus Gloria. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Blumenaus habe ich mal fotografisch hier aufgelistet.


Avenida das Palmeidas


Marcus, Steve, Christian und Anne im Caféhaus Gloria bei Schokoerdbeerkuchen und Käffken/Tee


Welches Tier lebt auf dieser 45°-Flussböschung? Ein Hanghuhn? Ein Wasserschwein?


Im Stadtzentrum: Touri-Info im Haus Möllmann und die Tunga


Das Rathaus von Blumenau sieht von allen vier Seiten gleich aus.


Die Rainha Oktoberfest mit ihren beiden Prizesschens


Deutsche Kultur auf zwei Worte abstrahiert - das ist Blumenau

Im Caféhaus Gloria sprechen die alten Damen tatsächlich noch Deutsch, und fragen ob wir Café colonial oder Kuchen vom Balkon wollen: Café Colonial ist Kuchen-Rodízio, und Balkon ist der Tresen. Wir entscheiden uns in Anbetracht der Tatsache, dass es heute Abend mit Sicherheit Pizza-Rodízio geben wird, für ein einfaches Stück Torte. Muss ja auch ma reichen, Anneliese? Leider hat das Museo da família colonial schon geschlossen, und es wird immer wärmer. Irgendwann später am Nachmittag verabschiedet sich Anne gen Joinville, und wir Jungs machen uns nach einer Zwischenstation in der Tunga auf zum „Castelo da Pizza“, wo wir mit Edgar verabredet sind. Er hat seinen 96-jährigen Mitbruder mitgebracht (war der nicht vor ein paar Wochen noch 94? Dann werden wir zu seinem 100. Geburtstag sicher noch in Brasilien sein), und der ist noch ganz gut zu Fuß. Edgar erzählt von Flugzeug- und Elefantensegnungen, von seiner ersten Überfahrt nach Brasilien mit dem Schiff 1957 und von den ersten Jahren in Brasilien – großes Abenteuer.


Pizza Doce com Sorvete

Als Spezialität gibt es hier eine Nachtischpizza mit Eis. Ist so eine Mischung aus Vanillepudding und Eis, die nach dem Backen aufportioniert wird. Wir versuchen, nicht am Buffet zu scheitern.
Nach dem Abschied von Edgar gehen wir noch auf eine 80er-Jahre-Party in der Disko Subway. Leider wird der Maßstab unseres Stadtplanes nach außen hin größer, so dass wir mindestens eine Stunde unterwegs sind. Als ein Vectrafahrer bei der Einfahrt zur Diskothek seine Lichtorgel auf der Hutablage einschaltet, hätten eigentlich alle Alarmsignale schrillen müssen: Jetzt weiß ich, was eine brasilianische Russendisko (ohne Russen, selbstverständlich) ist, denn drei Beamer werfen Musikvideos, die irgendwann mal auf deutschen Musiksendern aufgenommen wurde, über den Mediaplayer an die Wand. Für Titel, die nicht als Video vorliegen, wird Werbung eingeblendet. Das Publikum hat im Durchschnitt die 40 überschritten – wir sind also vollkommen deplatziert. Aber die Musik ist gut, und das geniale Queen-Video „I want to break free“, wo Freddy Mercury als Hausfrau staubsaugend durchs Bild huscht, ist einfach ein Hit.
Irgendwann denken wir an den Heimweg. Es ist mächtig kalt geworden, und in einer Lanchonette sitzen die Brasilianer mit dicker Jacke, Mütze, Schal und trinken heißen Tee. Uns ist im T-Shirt auch etwas kalt, aber die Brasilianer sind schon ziemliche Mimmosen…
Da der nächste Bus erst in einer Stunde fährt, verhandeln wir mit einem Taxifahrer über eine Passagem zum nächsten Busterminal. Steve versucht den Preis von 10 auf 8 Reais zu drücken, diesmal ohne Erfolg. Der gute Mann will 10 Reias. „Bringst du uns für 10 Reais dann wenigstens bis vor die Tür, Nähe Hospital Santa Isabella?“, frage ich. „Pode ser“ – die brasilianische Ein- und Allesfrage- und Antwort, die „ist möglich, kann sein, geht klar“ heißt.

Sexta-feira, Maio 20, 2005

Besuch von Liliana und Adrían

Heute waren die beiden USFC-Doktoranden wieder im Unternehmen und hatten ihren Professor dabei. Hélvio sagte mir: „Mach doch erst mal einen Rundgang mit ihnen, zeig ihnen das Werk!“ Ich kann vieles, und auf Deutsch und Englisch könnte ich sicherlich problemlos eine Besuchergruppe führen, aber auf Portugiesisch traue ich mir das nicht zu. Also habe ich mir Rodrigo dazu geholt, der das souverän gemeistert hat. Eine Sache hatte ich jedoch nicht beachtet: Rodrigos Eltern kommen aus Paraguay, und so musste ich mich nicht wundern, dass die Führung mehr und mehr ins Spanische abdriftete.
Zu Feierabend hieß es dann wieder: pegar carona. Heute ausnahmsweise nicht mit Claudio und Rodrigo, sondern mit Konstrukteur Wanderlei. Er kommt aus Joinville und ist Wochenendpendler, die ersten 100 km bis Balneário Camboriú kann er mich mitnehmen, ohne dass ich erst nach Floripa reinmüsste. Wanderlei hat einen Corsa, der in der brasilianischen Version nicht nur unter der Dachmarke Chevrolet vertrieben wird, sondern vor allem nur 700kg wiegt. Heizung, Servolenkung, ABS, Airbag, so was braucht ja niemand in Brasilien. Wegen dem geringen Gewicht und den stürmischen Regenfällen müssen wir mächtig aufpassen, aquaplanagem ist angesagt. Autos kriechen auf der ersten Spur der Küstenautobahn BR-101 nach Norden, schwere LKW und Busse sausen mit 120 auf der Überholspur daran vorbei und pflügen meterhohe Wassermassen auf die Autos. Von Balneário fahre ich mit dem Bus weiter nach Blumenau, wo ich schon um kurz nach neun im Hermann einchecke. Steve war noch nicht da, also mache ich das Doppelzimmer klar. Wir laufen da jetzt schon fast als Stammkunden. Im Neumarkt Shopping Center treffe ich Steve und Christian, der einige seiner Blumenauer Kollegen von Teclógica im Schlepptau hat. Und: Dieses Wochenende ist auch Anne aus Joinville gekommen, sie war bisher noch nicht in Blumenau gewesen. Nach einem weiteren kurzen Zwischenstopp im Hotel Hermann und einer Lanchonette geht es wieder mal in unsere Blumenauer Stammdisko Observatório, wo zwei Nachwuchsbands ihr Können zum Besten geben. Zurück geht es mit dem Bus, in der Bushaltestelle lernen wir die Deutschkenntnisse der Blumenauer Jugendlichen kennen: „Bier“, „Schnaps“, „kaputt“ und „Tschüss“. Na ja, sie wollen morgen wieder ins Observatório, wir überlegen uns das noch einmal und nehmen den ersten Bus zurück.

Quinta-feira, Maio 19, 2005

SolidWorks

Heute habe ich ein wenig selbst mit SolidWorks konstruieren sollen, erst habe ich die Vorrichtung zum Schleifen der Stanzstempel konstruiert, und dann noch etwas am Desbobinador gezeichnet. Dafür, dass ich zum allerersten Mal mit SolidWorks gearbeitet habe, hat es erstaunlich gut geklappt, ich finde es sogar noch besser als Pro/Engineer und um Größenordnungen besser als Mechanical Desktop; beide Programme setzen wir in Ilmenau an der Uni ein.


Kennenlernen des Programmes und Zeichnen meiner Vorrichtung - Leistung eines Vormittags. Nicht schlecht.

Gestern war abends irgendein brasilienweites Zahntechnikerforum bei Olsen. Hélvio war auch dabei gewesen, und kam heute mit einem giftgrünen T-Shirt zur Arbeit, was es wohl dort für alle Teilnehmer gegeben hat. Dementsprechend gut gelaunt war er, hatte aber einen entscheidenden Hinweis für meine Konstruktionen: In Brasilien sei alles metrisch, bis auf Stahlprofile. Die verkaufen brasilianische Stahl- und Walzwerke für teures Geld und Devisen nach Amerika. Und er hätte gerade günstig zweite Wahl einkaufen können, dass sei viel billiger als metrische Profile zu kaufen. Also die Profile bitte noch einmal: „Hier nimmst Du ein fünf-sechzehntel mal 2½-Zollprofil, das sind 7,94 × 63,5 mm.“ Das weiß der im Kopf, alle Achtung.

Quarta-feira, Maio 18, 2005

Bom yeoreum gaeul gyeoul geurigo bom

ist koreanisch und heißt auf Portugiesisch: Primavera, Verão, Outono, Inverno, … e Primavera. Das ist der Film, in dem ich gestern abend mit Vera, Sebastian und ein paar Brasilianern war. Sehr zu empfehlen ist sowohl die deutsche als auch die englische Homepage.
Der Film fängt schon gut an: Ein junger Mönch und sein Lehrer leben zu zweit in einer Einsiedelei mitten in einem See. Der junge Mönch, ein Kind, ist ein kleiner Tierquäler und bindet Fischen, Schlangen und Fröschen gerne mal ein paar Steine an den Körper und untersucht ihr Bewegungsverhalten mit zusätzlichem Ballast. Geht der Fisch unter, kann der Frosch noch schwimmen? Am nächsten Morgen wacht er mit einer zusätzlichen Last auf: Der alte Mönch hat seine Taten beobachtet und dem Mönchskind über Nacht einen kleinen Hinkelstein auf den Buckel geschnallt.

Filmplakat

Heute ist das Wetter umgeschlagen: Als ich aufgestanden bin, gab es ein Gewitter, und bis zur Bushaltestelle war ich trotz Guarda-Chuva pitschenass. Das Wasser schoss aus allen Hofeinfahrten auf die Straße. Außerdem war es deutlich kühler, die Werbeuhren mit Thermometer auf der Beira-Mar zeigten nur 17°C an. Ok, war ja auch um 7 Uhr morgens.
Auf der Arbeit sollen Simone und ich eine alte Schleifmaschine wieder in Gang setzen. Ich habe mich voller Tatendrang in die Werkstatt gestürzt, Simone hat sich nur gewundert. Hélvio möchte, dass wir eine Vorrichtung zum Schleifen von Stanzstempeln bauen, die auf dem Magnettisch der Schleifmaschine aufgebaut werden soll. So haben wir erst einmal die Maschinenparameter vermessen und die Warnung der Werkzeugmacher gehört: Der Magnettisch ziehe nicht mehr richtig an, besser direkt festschrauben. Als ich abends Hélvio erzählt habe, dass ich das jetzt zum Festschrauben konstruieren werde, zeigte er nur ein müdes Lächeln: „Haben Sie Dir erzählt, dass der Tisch nicht mehr richtig anzieht? Hast du’s überprüft? Wie überprüfst Du es?“ Also brauche ich jetzt erst mal eine Prüfvorrichtung (Klotz, Draht, Umlenkrolle, Gewichte), um die seitliche Kraft (hier auch Força lateral genannt) zu messen.

Terça-feira, Maio 17, 2005

Im Supermarkt oder die Angst des Brasilianers vor Bargeld

Ein längst überfälliger Themenpark. Als Untersuchungsobjekt diene der Angeloni (die große Supermarktkette Brasiliens) in Santa Mônica oder jeder andere supermercado. Er ist etwa halb so groß wie das Kaufland in Ilmenau und doppelt so groß wie ein Aldi- oder Lidl-Markt und bietet vom Churrascospieß und Bäckertheke bis zum Köstritzer Schwarzbier und Requeijão Catupiry einfach alles was man so benötigt. Interessant wird es eigentlich erst, wenn sich die zahlungswillige Kundschaft der Kasse nähert: Es gibt mindestens 20 Kassen, die alle geöffnet sind. Verglichen mit dem Ilmenauer Kaufland (ca. 10 Kassen, meist nur fünf geöffnet, durchschnittliche Wartezeit unter zwei Minuten, durchschnittliche Dauer eines Kassiervorganges 20…40 Sekunden) setzt Brasilien hier andere Maßstäbe: etwa die Hälfte der Kunden wie im Kaufland, durchschnittliche Wartezeit schlappe acht Minuten. Es befinden sich stets mehr Kunden in der Warteschlange als beim Einkauf im Markt. Woran das liegen mag? An der Dauer des Kassiervorganges. Dieser streut gewaltig und reicht von einer Minute (deutscher Student, der ein Brot, eine Packung Salami und einen Frischkäse erwirbt, bei Barzahlung mit passendem Geld und kleinen Scheinen, und welcher darauf besteht, und seine Waren selbst in den mitgebrachten Rucksack zu packen) bis etwa 10 Minuten (Mutter mit einem Einkaufswagen und viel Gemüse, welches an der Kasse gewogen wird, die sich alles in etwa 50 Plastiktüten einpacken lässt und mit Kreditkarte oder großen Scheinen zahlt).
Nun, wer einmal hinter einem solchem Einkaufsraumschiff gestanden hat, weiß wie das abläuft: Die Kassiererin zieht Artikel für Artikel über den Scanner. In Ilmenau vielleicht ein Artikel pro Sekunde. In Brasilien eher alle 10 Sekunden einen Artikel. So eine Handbewegung ist ja auch außerordentlich komplex, und man sollte auch nicht verlangen können, dass die Kassiererin vorher weiß, wo sich denn der Strichcode am Artikel verstecken könnte. Alle drei Artikel wird eine neue Plastiktüte hervorgekramt und die Waren werden darin liebevoll verstaut. Gemüse wird an der Kasse gewogen. Oberhalb der Kasse befindet sich ein großer Monitor, wo der Preis aller Artikel und die Summe angezeigt werden. Das finde ich grundsätzlich gut, ärgerlich ist, dass es ein System aus DOS-Zeiten ist und die Aufsummierung zur Preissumme weitere 10 Sekunden in Anspruch nimmt. Der angezeigte Preis ist in dem Moment, in welchem man sein Portemonnaie zückt, noch der Einzelpreis des letzten Artikels.
Kommen wir zum Zahlvorgang: Dieser geschieht in Brasilien grundsätzlich mit Kreditkarte oder Scheck. Bargeld ist das, was man für Bettler übrig hat. In Ilmenau habe ich einige Male beobachtet, dass ein Barzahlvorgang in der Regel deutlich flotter geht als das elektronische Zahlen mit Bank- oder Kreditkarte. Ausfälle von Karten und zugehöriger Lesegeräte nicht mitgerechnet, die in Brasilien offenbar an der Tagesordnung sind, jeder Brasilianer schleppt mindestens drei Plastikkarten mit sich rum und an jeder Kasse stehen mehrere Terminals. So ganz traut man der Technik wohl nicht, deshalb wohl nicht ausgestorben ist das gute alte Scheckbuch, mit dem man im Supermarkt und Restaurant gern bezahlt. Zwei zusätzliche Minuten zum Ausfüllen des Schecks nach Durchprobieren aller möglichen Kombinationen aus vorhandenen Karten und an der Kasse verfügbaren Lesegeräten verstreichen.
Manchmal stellt sich der deutsche Student natürlich auch an der caixa rápido, der Schnellkasse an, die schneller heißt als sie ist. Es gibt derer vier im Angeloni, für einen Einkaufskorb mit maximal 15 Artikeln. Eine Warteschlange für alle Anstehenden an der cixa rápido, die sich mit mäanderförmig aufgestellten Absperrbändern in den Markt reinschlängelt. Im Minimum 20 Kunden vor dem Protagonisten. Noch ist in täglichen Dauertests mit Handystoppuhr nicht bewiesen worden, ob es hier tatsächlich schneller zugeht. Immerhin sind es dann nur noch fünf Kunden pro Kasse, aber auch hier kommt die Kreditkartenproblematik wieder hoch, so dass es dann doch ziemlich lange dauert, bis eine der Kassiererinnen „Próximo!“ – Der nächste Bitte! – ruft. Nun stellen wir uns den Fall vor, dass das Bargeld, für einen Betrag von sagen wir 5 Reias (1,50 Euro), nicht annähernd passend vorliegt. Der Kunde bezahle mit einer 10-Reais-Note. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist nicht genügend Wechselgeld in der Kasse. Die Kassiererin macht ein rotes Lämpchen an der Kasse an, innerhalb von 3 Sekunden (das geht ja wirklich schnell!) steht so’n Sicherheitsfuzzi neben mir, und muss erst mal beruhigt werden: Kein Alarm, er soll nur Bargeld tauschen. Er hat eine Gürteltasche, und zählt 10 Reias in 1-Real-Scheinen raus, die Kassiererin zählt sie noch mal durch und gibt meinen 10-Reais-Schein weg. Einmal musste ich mit einem 50-Reais-Schein bezahlen, da wurde die Note zunächst beknibbelt, geknickt, über die Metallkante der Kasse hinweg abgezogen, und nach erfolgreichem Echtheitstest musste der Sicherheitsstratege in den hinteren Bereich laufen, kleinere Noten holen. Da müssen also drei Leute zählen: Die Kassiererin, der Sicherheitsmann, und sein Kollege im hinteren Bereich. Zwei weitere Minuten Warten an der Kasse.
Entnervt verlasse ich den Supermarkt, und frage mich, was die soeben in Deutschland eingetroffenen Brasilianer vom Kaufland halten werden. Da liegt die Ware abgefertigt im hinteren Bereich der Kasse und die Summe vor, bevor die ihre Kreditkarte oder Bargeld auch nur zücken könnten. Staunend werden sie dieses Geschäft verlassen. Kein Wunder, dass es hier heißt, die Deutschen seien fleißig und würden schnell und zuverlässig arbeiten.
Als ich beim Bekleidungseinkauf einmal auf eine Summe von 120 Reais (35 Euro) kam, habe ich große Augen der Kassiererin geerntet, als ich drei 50-Reias-Scheine hervorgekramt habe. So eine große Summe Bargeld! Inimaginável – unvorstellbar. So stehe ich nun vor dem Problem, wie ich meinen Lohn, u.a. drei seltene große 100-Reais-Scheine, an den Mann bringe, und welche weitere Sicherheitsprüfungen die Geldscheine über sich ergehen lassen müssen.

Segunda-feira, Maio 16, 2005

CD virgem

Mitpraktikant Claudio wäre gestern fast mit zum Wandern gekommen: Er kennt jemand aus der Studentengemeinde, der ihm die Mail weitergeleitet hatte, beide hatten aber verpennt. Treffen um halb neun an einem Sonntagmorgen – das ist doch wohl nicht euer Ernst, meint Claudio. Ärgert sich aber, als er meine tollen Fotos sieht.
Heute haben meine Kollegen entdeckt, dass ich einen Gravador, einen Brenner in meinem Laptop habe. Und ich habe gelernt, was Rohling heißt: CD virgem. Ist ja eigentlich auch logisch. Nach der Arbeit habe ich mir dann auch welche gekauft, es wird Zeit für eine Datensicherung. Markenrohlinge kosten 2 Reais, billige 1 Real. Beide ohne jegliche Verpackung, direkt von der Spindel.

Domingo, Maio 15, 2005

Trilha de Costa da Lagoa

Schon seit einiger Zeit stehe ich auf dem Mailverteiler für Wanderausflüge der Studentengemeinde, aber irgendwie hat es bisher nie klappen wollen vor lauter Ausflügen gen Blumenau etc. Da ich aber an diesem Wochenende zu Hause geblieben bin, um etwas auszuspannen und um mich von meiner Erkältung zu erholen, musste Tourorganisator Fabrício gestern in der Pipa keine große Überzeugungsarbeit leisten: Also stehe ich pünktlich um 8:30 Uhr morgens am Busbahnhof TITRI.


TITRI und Radler auf der Beira Mar

Auf meinem Weg komme ich über die Avenida Beira Mar: an einem Sonntagmorgen ist die 2x3-spurige Küstenstraße aber keineswegs menschenleer, sondern ein Paradies für Läufer, Radfahrer und Rollschuhfahrer, die es im fitnessverrückten Brasilien zu Haufe gibt. Autos fahren nur vereinzelt. Unser heutiges Fitnessprogramm lautet nach einem Umstieg am TILAG und dem Erreichen der Endhaltestelle des Busses nach Costa de Lagoa: Wir laufen nach Costa de Lagoa. Denn der Bus fährt nicht wirklich in den Ort, weil Costa de Lagoa nicht ans Straßennetz angeschlossen ist, sondern nur zu Fuß oder übers Wasser erreichbar ist. An der Endhaltestelle (Ponto Final), eigentlich am Ortsrand von Lagoa de Conceição, hört die Straße auf, und ein Naturpark beginnt. Zwar sind es nur 7 km bis Costa de Lagoa, aber es geht über Stock und Stein, vorbei an verlassenen Mühlen und zerfallenen Villen aus der Zeit der Kolonisation durch azorische Einwanderer (ca. 1780). 225 Jahre alte Häuser sind für Brasilianer eine echte Attraktion. Die eigentliche Anstrengung war nicht die Distanz, sondern die Hitze, auch mitten im Herbst können es schon mal 34°C werden…
Wir passieren einige Siedlungen, meistens reiche Villenviertel, die ihren eigenen Hafen an der Lagoa haben, und erreichen schließlich einen Wasserfall. Oh, cataratas, sage ich, das kenne ich ja schon aus Foz de Iguaçu. Nein, klären mich die Brasilianer auf: cataratas sind Riesenfälle, sowie in Foz oder in Niagara, aber das hier, dieser kleine Wasserfall, das sei nur ein cachoeira. Jedenfalls sind wir natürlich hochgeklettert und haben eine wunderbare Aussicht über die gesamte Lagoa genossen. Nach einem Aufenthalt an einem Steg sind einige Leute schwimmen gegangen, und dann haben wir auch irgendwann den letzten Ortsteil erreicht, sozusagen Ponto Final für das Fährschiff. Die letzte Stunde haben wir dort in der Kneipe gewartet, und hätten fast unseren Bahiano (Person aus Bahia, die Kollegen mit dem Karneval das ganze Jahr über) vergessen, der seine beiden letzten Bierchen dann auf dem Steg herunterschlingen musste. Sehr eindrucksvolle Bilder dieser Aktion und weitere Bilder von der Rückreise auf dem Boot, von den cachoeiras und sonstigen Erlebnissen dieses Tages rechtfertigen auf jeden Fall das Anlegen einer…


Zu Hause angekommen, hatten Luiz und Michelle „Bridget Jones 2“ aus der Videothek ausgeliehen. Wir einigen uns auf die Variante Englisch mit legendas portuguesas, so bessern Luiz und Michelle ihr Englisch auf und ich lese Portugiesisch. Wäre der Film besser gewesen, hätte ich ihm mir sicherlich noch einmal auf Portugiesisch angeschaut, aber so sehr mein Fall war er dann auch nicht. In der Kirche habe ich die Trilheiros (Wanderer) dann wieder getroffen, da hatte ich schon fast meine Galerie hochgeladen.

Sábado, Maio 14, 2005

Krankenbesuch auf Continente

Da ich ja an diesem Wochenende nicht zu Steve und Christian nach Blumenau gefahren bin, habe ich den kranken Ritter Markus bei Carlos’ Eltern auf dem Kontinent besucht. Markus ist schon seit vier Wochen krank – irgendwas mit der Verdauung, und diverse brasilianische Ärzteteams rätseln.
Da er wenig Appetit hat, habe ich ihm meine zwei portugiesischen Bücher, die ich besitze, mitgebracht, so hat er ein wenig Ablenkung. Ich bin hier sowieso noch nicht zum Lesen gekommen.


Den Guaraná-Laster vor der Kirche von Estreito - inmitten von Hochhäusern - raube ich morgen aus...

Markus wohnt in Estreito, das ist einer der Stadtbezirke auf dem Kontinent, wo gerade Pfarrfest war. Wir sind ein bisschen rübergeschlendert, und dann war er ziemlich erschöpft.


Luiz, Michelle, Marcus, Musiker, Luciano, Fabrício und Yuri aus der Studentengemeinde (der Musiker nicht...)

Abends war ich mit Luiz und Michelle noch in der Weinstube Pipa in Trindade, wo wir uns mit anderen Leuten aus der Studentengemeinde getroffen haben. Anlass war ein Besuch von Ketner (sprich Ketschner) in Florianópolis. Ketner ist diejenige Studentin, auf deren Graduationsfeier ich an meinem ersten Wochenende in Brasilien war. In der Pipa ist es urgemütlich, es gibt nette Música Popular Brasileira aus der Gitarre und mit etwas Glück sogar kostenlose Getränke: Ich bestellte mit allen anderen zusammen, alle anderen erhielten ihren Wein respektive Traubensaft – nur ich nicht. Die Kellnerin brachte mir meinen Traubensaft, sagte mir etwas mit strahlendem Lächeln, ich sagte obrigado, und alle in der Runde fragen: Hast du verstanden, was sie gesagt hat? – Não. – Ist umsonst.


Yuri, Luiz jr. und Ketner

Sexta-feira, Maio 13, 2005

Arbeit satt

Hoje é sexta-feira treize. Sagt jeder im Büro und die erste Mail, die ich heute bekomme, stammt von Tülin und behandelt das gleiche Thema. Ich will mich darüber nicht beklagen, denn seit heute habe ich meinen offiziellen Olsen-Mitarbeiterausweis mit Foto (und nicht nur einen provisorischen).


Lochkartensystem

Es ist eine biegbare Plastikkarte, die Identifikation für die Zeiterfassung erfolgt mittels Lochmuster. Auf der Arbeit habe ich eine Funktion in Dotproject entdeckt, die die Berichte gleich als PDF generiert, mithilfe der Freeware-Bibliothek ezpdf. Da die Berichte noch verbesserungsfähig waren, habe ich mich da etwas in die Programmierung eingelesen, so dass z.B. jetzt Seitenzahlen mit ausgegeben werden und weitere Berichtsspalten. Als ungeübter Programmierer dauerte das etwas länger, aber immerhin funktioniert es jetzt. Uilians ist begeistert, dass seine ihm bekannte Word-Tabelle mit Vorgängen, so wie sie er bisher immer hatte, ihm jetzt von der Datenbank im fast identischen Layout fertig als PDF ausgeworfen wird.

Quinta-feira, Maio 12, 2005

Holm II. und Claudia I.

Gestern habe ich Luiz und Michelle zufällig einige idiomatische Begriffe, besser als Sprichwörter bekannt, gelernt. Nachdem sie mir versucht hatten, eine Sache zu erklären, und dieses einigermaßen lange gedauert hat, bis ich es verstanden hatte, habe ich ihnen erklärt: In Deutschland würde man jetzt sagen: Der Groschen ist gefallen. Oh, riefen sie, das gibt es auch im Portugiesischen: a ficha caiu. Aber was ist ficha? Denn Münzen heißen moedas, und alles was unter einem Real liegt, hört auf centavos. Haben die Geldstücke etwa auch apelidos, Spitznamen, wie etwa der deutsche Groschen? Nein, ficha ist etwas anderes: Vor nicht allzu langer Zeit wurde Brasilien immer wieder von schweren Inflationen heimgesucht. Und als es noch keine Kartentelefone gab, kauften die Leute Wertmünzen für Telefonzellen. Es wäre nämlich zu aufwändig gewesen, täglich die Tarife in den Millionen von Telefonzellen anzupassen, oder die Telefonzellen mit neuen Münzwaagen auszustatten. So konnte man in den Kiosken – zu inflationär steigenden Preisen – diese Wertmünzen namens ficha erwerben. Die natürlich ebenso wertlos wie das Geld waren, aber wie der Groschen auch nach ihrer Abschluss ihrer betrieblichen Nutzungsdauer der Sprache dauerhaft erhalten bleiben.
Seit heute habe ich auf der Arbeit eine Menge zu tun: Nach 5 Wochen betteln habe ich jetzt ein Login für den Linux-Server und soll Skripte programmieren, größtenteils Relatórios, Berichte, z.B. über einen Projektfortschritt. Und da ich programmiertechnisch ein ziemlicher Anfänger bin, wälze ich mich jetzt erst einmal durch Internetforen o.ä. zum Thema. Ein paar Sachen habe ich heute auf Anhieb geschafft, war regelrecht stolz auf mich.
Zwischendurch kreiste öffentlich der Stundenzettel rum. Dort stand drauf, wie sich bei jedem Mitarbeiter die Banco das Horas, das Stundensaldo, seit Monatsbeginn entwickelt hat. Man musste das unterschreiben, warum weiß ich auch nicht. Jedenfalls habe ich jetzt 18 Überstunden, ist ja auch kein Wunder wenn ich mit 40-Std-Vertrag 44 Stunden arbeite, wie alle anderen regulär. Dafür werde ich dann zum Ende und an günstigen Wochenenden mal Zeitausgleich – compenzação – nehmen. Das wird auch kein Problem sein, Tranqüile!
Heute Nachmittag rief mich Hélvio zu sich. (Nachdem er gestern geschäftlich in São Paulo war – das war der lässigste Tag aller Mitarbeiter, es wurde Kuchen bestellt, gemeinsam haben wir so eine Art Berliner mit Catupiry = Frischkäsefüllung gegessen.) Heute hatte Hélvio einen Doutorando und eine Mestranda – eine Masterstudentin – von der UFSC mit dabei, die mit mir gemeinsam etwas in Richtung CEP bei Zukaufteilen sowie Prozessrationalisierung in der Produktion machen sollen. CEP ist in Brasilien nicht nur die Abkürzung für Postleitzahl, sondern heißt auch controle estatístico de processo. Spezieller Gruß an Ilmenauer Studenten: Da habe ich jetzt also als Kollegen neuerdings einen Holm II. und eine Nadin II., zumindest auf den ersten Eindruck. Holm II. heißt Adrián und hat die Hosen an, Liliane hat bisher noch nicht so viel gesagt. Interessant ist, dass beide aus Argentinien bzw. Kolumbien kommen und ihre (oder vielmehr seine) erste Frage lautete: Sabes falar espanhol? – Ne, das vergesst man ganz schnell, ihr Spanjockels, ich hab schon mit Portugiesisch genug zu kämpfen.
Themenwechsel:
Franziska bittet darum, dass ich doch mal mehr als nur erwähnen solle, dass ich mir hier ein Hausmädchen leiste. Erwähnt habe ich es am 5. März, man möge es im Archiv nachschlagen. Interessant ist die Geschichte dennoch: Irgendwann um diese Zeit fragte mich Luiz, ob ich eigentlich meine Wäsche selbst machen wolle. Ich könne das machen, eine Waschmaschine stehe in einem Gartenschuppen, aber eigentlich wäre es doch verschwendete Zeit. Michelle und er hätten keine Lust dazu, und deswegen hätten sie Claudia eingestellt: Sie kommt jeden Dienstag- und Samstagmorgen, putzt, wäscht ab, wäscht und bügelt die roupas. Ich könne das selbst machen – aber ich könne auch Claudia 40 Reais im Monat in die Hand drücken. Nun, ich habe da nicht lange überlegt: Ich müsste mindestens zwei Stunden pro Woche investieren, hier schwitzt Mann um einiges mehr, macht acht Stunden im Monat, gegen den Lohn von etwa 12 Euro. Claudia. Ich denke, dass sie bei Luiz und Michelle und mir etwa mit 150-180 Reais rausgehen wird. Dann wird sie noch in der Woche bei anderen Leuten arbeiten (Hausmädchen werden übrigens per Mundpropaganda in der Nachbarschaft weitervermittelt – ein guter Leumund wird da einiges wert sein), ich kann mir vorstellen, dass Claudia durchaus auf ihre 800 Reais Monatsgehalt kommt – was 2,5 mal so viel wie der Mindestverdienst ist. Somit wird Claudia so schlecht nicht dastehen.
Es geht nämlich auch weit tiefer: Irgendwo haben wir mal erfahren, dass ein Dosensammler pro Kilo gesammelter Dosen 3 Reais vom Schrotthändler bekommt. Wenn Du auf der Straße mit einer Getränkedose, die es hier en masse gibt, herumläufst, hast Du garantiert bald einen an der Hand, der Dir die leere Lata abschwatzt. Soll er haben. Leider habe ich hier gerade weder eine Küchenwaage noch eine leere Dose zur Hand, aber die Dosen sind dünner ausgewalzt als wie sie es in Deutschland waren. Das heißt, der Kamerad muss ganz schön viele Mülleimer durchsuchen, bis er sein Kilo zusammengekratzt hat. Eine gefüllte Bierdose kostet etwa genauso viel.
Da haben wir es wieder: Alle Extreme liegen auf dichtestem Raum nebeneinander. Das sagt sich – implizit – auch die brasilianische Bundesregierung, die ein sehr schönes Markenlogo hat:


Brasilien - ein Land für alle

Um Armut und Hunger entgegenzutreten, gibt es das Programm fome zero (null Hunger)
Wobei die Wirkungen wohl maximal langfristig in Erscheinung treten werden.

Quarta-feira, Maio 11, 2005

Erkältet - und Rückstand aufgeholt

Seit gestern kenne ich einige neue Vokabeln aus dem Gesundheitsbereich: Doktor Luiz hat mir Vitamintabletten (comprimidos erfervescentes) und Polivitaminas verschrieben. Denn ich bin erkältet, com narriz entupido. Carlos geht es in Deutschland ähnlich, schreibt er: Saukalt, aber Heizung und WLAN in den Gebäuden. Beides gibt es hier nicht.
Dafür gibt es an dieser Stelle sozusagen eine Erfolgsmeldung: Ich habe in den letzten Wochen nach und nach alle Berichte aus der letzten Märzwoche und den ersten Aprilwochen aufgearbeitet, so dass die Indexseite für einige Tage alle Berichte seit Foz zeigen wird (und daher etwas länger lädt, um wirres umhersuchen zu vermeiden). Man muss quasi nur artikelweise von unten nach oben lesen, was schwierig genug ist.
Und mir ist heute wieder eingefallen, dass mein Provider eine eingebaute Seitenstatistik hat, auf die ich mal geschaut habe: Ich grüße alle fleißigen Praktikantenlesezirkel von den Hosts volkswagen.de, porsche.de und brose.de sowie diverse Auslandsstudenten in Prag (eri***.mk.cvut.cz), Norwegen (s***c.studby.ntnu.no), Riga, Namibia, Neuseeland, Mexiko und natürlich meinen Lieblingsserver brain.rz.tu-ilmenau.de
Eine weitere technische Neuerung: Mein Tagebuch lässt sich ab sofort auch mit einem Lesegerät für dynamische Lesezeichen (Site Feed) lesen. Dazu braucht man nur einen guten Webseitenbetrachter. Andere Leute ohne Internetanschluss bekommen mein Tagebuch sicherlich auch heute zu ihrem Geburtstag in gewohnter Form von meinem Vater ausgedruckt und per Post zugestellt-:) Dafür ganz herzlichen Dank.

Domingo, Maio 08, 2005

Dia das Mães: Muttertag

Für Michelle habe ich eine Kiste Ferrero Rocher und Luiz kommt mit einem großen Blumenstrauß. Als ich um 7 Uhr aufstehe, ist er schon wach und schreibt an irgendeinem englischen Fachartikel. Kurz nach dem Frühstück treffen die ersten fleißigen Hände ein, die Obst und Gemüse schälen und den Churrascoofen in Gang setzen.


Terese und Alessandra schnippeln allerlei Gemüse

Das heutige Fest, erklärt Michelle, feiern alle Leute aus der Studentengemeinde, deren Eltern zu weit weg wohnen, als dass man sie übers Wochenende besuchen könnte. Karina aus Rio Grande de Sul, Hallthmann aus Pará an der Amazonasmündung, Cássia und Fábio aus Paraná, Studenten aus Minas Gerais und Maranhão – ein ganzer Kontinent in unserem Haus. Leonice feiert sozusagen ihren ersten Muttertag – sie ist jetzt fast im siebten Monat schwanger.
Etwa 35 Leute sind dabei, und es ist ein schönes Fest, es wird gebetet und gesungen, es gibt in Brasilien nämlich auch extra Lieder zum Muttertag. Dem reichhaltigen Buffet werden mitgebrachte Punddingcremen und andere Sobremesas hinterher geschoben, und dann folgen Gesellschaftsspiele wie Trivial Pursiut.


Es gab übrigens Feijoada, das hatte ich noch nicht erwähnt

Da komme ich aber beim besten Willen mit meinen Sprachkenntnissen nicht mit, und außerdem warten auch Muttern und Schwiegermuttern auf Anrufe, und so setze ich mich ans Skype, wo ich fast den ganzen Abend verbringe.


Matscher in Ilmenau, Matthias in München, Eric in Prag, MMG in Florianópolis

Sábado, Maio 07, 2005

Friseur

Am nächsten Morgen weiß er von alledem natürlich nichts mehr, als ich ihm am Frühstückstisch von den Ereignissen der letzten Nacht berichte. Nach dem Frühstück machen wir noch etwas descansar, da wir erst um 11 auschecken müssen. Christian fällt in mein Bett – da kann man mal sehen wie gut der sich selbst heute Morgen noch fühlen muss.


MMG beim Friseur

Auf dem Weg zum Neumarkt Shopping Center, wo wir uns mit Steve treffen wollen, kommen wir an einem Friseurladen vorbei, und denken beide: Ja, das müsste bald sein. Steve sieht das nicht so, erklärt sich aber gern bereit, mitzukommen. Im Neumarkt gibt es zwar auch einen Friseur, der ist uns aber mit 28 Reais zu teuer. In dem kleinen Laden, wo 4 Friseure arbeiten und Männer zwischen 20 und 60 Jahren im Zwanzigminutentakt abfertigen, zahlt jeder 10 Reais. Perfekt.


Haarewaschen kostet nicht unbedingt mehr: Christian

Ich kaufe mir in einem Kiosk in der Stadt noch ein Ticket für einen Semidireito heute Nachmittag, wir lernen unser erstes Kilorestaurant kennen, in dem es nicht schmeckt (wenngleich es Buffet livre mit Suco und Sobremesa für 5,50 Reais gibt).
Ich versuche noch Edgar zu erreichen, es ist aber heute Pfarrfest in seiner Gemeinde, wo wir dann einfach auf Gut Glück hingehen. Es war aber schon am Nachmittag, da war da eher weniger los und Kinderprogramm. Dennoch qualmten die Churrascoöfen aus allen Rohren, wie es Edgar uns prophezeit hatte. Edgar mache wohl gerade descansar, Steve und Christian bleiben noch da. Ich mache mich auf zur Rodoviária (auch hier: alles voll. Vor drei Wochen war da kein Mensch) und fahre zurück nach Florianópolis.
Zu Hause angekommen sind die Vorbereitungsarbeiten für den sonntäglichen Festtagschmaus bereits in vollem Gange. Es wird Feijoada geben, welches schon in großen Drucktöpfen vor sich hin kocht. Alicia, eine Freundin aus der Studentengemeinde, hilft mit, ich bediene die Knoblauchpresse, wasche ab, sammle mit Luiz Zubringerprodukte von anderen Leuten, die auch am Kochen sind, ein, und irgendwann ist es schon Mitternacht, als ich müde von der Reise und etwas erkältet von der Busklimaanlage ins Bett falle.

Sexta-feira, Maio 06, 2005

irgendwie ein verbockter Tag

Morgens bin ich kaum aus dem Bett gekommen, in Zweifeln, ob ich nicht ein Wochenende zum Ausspannen bräuchte und den Jungs für Blumenau absagen sollte. Na ja, was soll’s am Ende habe ich doch meine Tasche gepackt und beschlossen, am Samstagabend wieder zurück nach Florianópolis zu fahren. Den Dia das Mães, den Muttertag, werde ich doch mit meiner mãe brasilieira verbringen wollen, außerdem wird es bei uns zu Hause ein großes Fest mit der Studentengemeinde geben.
Auf zur Arbeit. Mit Hélvio und Uilians habe ich zunächst eine Besprechung, sie unterhalten sich über den Projektfortschritt bei der Einführung der neuen Produktreihe. Ich soll berichten, wie man mit Dotproject neue Aufgaben an freie Mitarbeiterkapazitäten vermitteln kann. So etwas geht, aber dazu bräuchte man eine Projektzeiterfassung, die registriert, wie viele Stunden welcher Mitarbeiter an welcher Aufgabe sitzt, und daraus die Gesamtauslastung jedes Mitarbeiters addiert. Dafür bräuchte ich die Daten, die nicht erfasst werden. Das leuchtet auch Hélvio ein. Selbst wenn ich die Daten hätte, werde ich mich wohl bald noch etwas mehr in PHP/MySQL-Programmierung einarbeiten müssen, ich muss da noch einige Spalten zu Berichtsabfragen hinzufügen… Jetzt bräuchte ich einen Martin Sawitzki oder einen Michael Menges hier! (Ist kein Witz, ich schaffe hier gerade einen Arbeitsplatz für einen „technischen Assistenten“, der sonst Berichte in Word zusammenstellt und von Hand berechnet, ab und schaffe einen für einen Informatiker oder Wirtschaftsinformatiker, der das System betreuen kann. Hausinformatiker Marcelo hat nämlich auch nicht so viel mehr Ahnung von der Materie als ich). Der technische Assistent hat übrigens auch die Aufgabe, solche tausendfüßigen Chipsätze zu programmieren, die in die Steuereinheiten der Zahnarztstühle eingebaut werden. Dazu ruft er ein Linux-Programm (ja, so etwas gibt es im Microsoft-verrückten Brasilien) auf, und spielt an einem Tag der Woche 4 Stunden lang irgendwelche Steuersoftware auf die Chips einzeln auf, 20 Sekunden pro Chip.
Eine noch stupidere Aufgabe hat nur Simone: sie hat heute Werkstattzeichnungen in Klarsichthüllen verpackt, aktenordnerweise. Das wäre ja gar nicht so schlimm, wenn sie die Klarsichthüllen nicht vorher lochen müsste. Denn den in Deutschland üblich weißen Lochstreifen gibt es hier wohl nicht, das sind einfach etwas breitete Klarsichttaschen.
Ich habe heute Federn für die Einstellung der Lagerweite meines Desbobinadores berechnet, und da ich meine Maschinenelemente-Unterlagen nicht da habe, und ich auf die TU-Downloads und ein brasilianisches Tabellenbuch mit DIN-Normen von 1940 zurückgreifen musste, habe ich damit auch locker den Nachmittag rumgebracht.


Die Rodoviária sieht aus wie eine Expo-Halle in 20 Jahren

Claudio hat mich dann in der Rodoviária abgesetzt, und da vor zwei Wochen dort nicht viel los war, habe ich mir auch vorher kein Ticket via cartão crédito gekauft. Heute war das ein kapitaler Fehler: Am Muttertag scheint es Brasilianer in Scharen an ihre Heimstatt zu ziehen, mit Geschenken wie zu Weihnachten beladen glich die im schlichten Betonstil gehaltene Rodoviária einem Basar. Ein Ticket für den Direktbus nach Blumenau habe ich nicht mehr bekommen, die Schlange war zu lang und als ich an der Reihe war, der Bus ausgebucht. Im Bus später sitze ich nun, ein Communal, der an jeder Milchkanne anhält.

Als ich auf den Bus warten musste: Florianópolis bei Nacht

Seit einer Stunde stehen wir im Stau, und das ist der Grund, warum ich dann auch irgendwann mein Notebook aufgeklappt habe, und etwas ausführlicher schreibe. Ich vergaß zu erwähnen, dass wir gerade mal 20 km aus Florianópolis raus sind, Blumenau in weiter Ferne liegt, und inzwischen der Stau von hinten aufgerollt wird und uns die Autos auf unserer Autobahnfahrspur entgegenkommen. So was habe ich auch mal in Deutschland mitgemacht, sehr lustig und langwierig und mit einem Bus sicher nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen.
Inzwischen haben wir die Unfallstelle passiert, drei ineinander verkeilte LKW. Dazwischen ein paar Autos, die aber von einem der LKW, einem Autotransporter, heruntergefallen sind.
Ein LKW liegt quer über allen Fahrspuren der Gegenfahrbahn, und die Betonsegmente des Mittelstreifens, die dabei auf unserer Fahrbahn geschleudert wurden, sind inzwischen auch weggeräumt. Mit einem einfachen Abschleppwagen versuchen die Jungs jetzt, den quer liegenden Lastwagen erstmal auf der Seite liegend von der Straße zu ziehen, damit in der Gegenrichtung wenigstens eine Fahrspur wieder geöffnet werden kann. Schweres Gerät wird sicher eh nicht vor morgen anrücken. Inzwischen ist es 22:04 Uhr, mal schauen wann wir in Blumenau ankommen werden – eigentlich jetzt. Ich klappe das Notebook zu.
(Im Bus zurück klappe ich es jetzt gerade wieder auf).
Um fünf Minuten vor eins checke ich nachts im Hotel Hermann ein. Steve hatte bereits ein Doppelzimmer reserviert, wir sind da ja sozusagen schon bekannt. In Blumenau funktioniert auch mein Handy wieder, so dass ich zunächst einmal versuche, Christian und Steve zu erreichen. Mehr als dass sie mit einem Arbeitskollegen von Steve in die Danceteria „Observatório“ wollten, welche sich in der Nähe des Universitätscampus befinden soll, weiß ich nicht. Ich frage mich also mal wieder durch, wie so häufig, und gelange zum Ziel. Inzwischen habe ich so eine grobe Orientierung in Blumenau, und wenn mit jemand sagt: „Das sind 5 km bis dahin“, weiß ich, dass die Leute hier zu Übertreibungen neigen. Und ich sollte mir doch besser ein Taxi bestellen. Fußfaule Brasilianer, ich weiß genau, dass es max. 1,5 km sind und laufe weiter, nicht ohne erzählt zu haben, dass es in Deutschland Militärdienst gibt, wo man 40 km am Tag marschieren müsste. Auch wenn ich nicht beim Bund war: Das zieht. Und auf dem Weg wird mir klar, dass sowohl Bundeswehr als auch Zivildienst in Deutschland immerhin den Vorteil haben, dass sie erheblich zum Erwachsenwerden beitragen. Also genau das richtige für Carlos’ Freunde.
Im Observatório eingetroffen treffe ich Christian und Steve mitsamt Kollegen Egard und seinen Freunden sofort. Gott sei Dank, endlich mal wieder ein ordentlicher Schuppen für normale Leute und kein Schicki-Micki. Studenten, eine Rockband die unter anderem AC/DC (die Betonung liegt hier auf dem letzten C und nicht auf dem D wie in Deutschland) spielt. Spätestens als Steve zum dritten Mal fragt: „Sag mal Marcus, wo hast du eigentlich Deine Sachen?“ und „Marcus, hast du eigentlich schon beim Hermann eingecheckt?“ wird mir klar, dass beide schon gut dabei sind. Egard besteht darauf, uns nach Ende der Party noch nach Hause zu fahren. Da Forsti einen Zustand erreicht hat, der es ihm nicht ermöglicht, mit dem ersten Bus heimzukommen, übernachtet Steve bei Egard und Forsti mit im Hotel.

Quinta-feira, Maio 05, 2005

Aniversário

Heute ist Christi Himmelfahrt. In Deutschland nicht nur ein Feiertag, sondern ein Feriadão, ein langer Feiertag. Mal ehrlich: Wer geht dann da am Freitag zur Uni?
Wichtiger ist, dass ich heute Geburtstag habe. Also habe ich bei jedem im Büro (ca. 20 Personen) ein Ferrero Rocher auf den Platz gelegt und am Wasser- und Kaffeespender einen Teller mit kleinen Süßigkeiten aufgestellt. Der Mitdenkende unter diesen Tagebuchlesern hat sicher schon Mitleid mit mir, denn er hat daraus geschlossen, dass hier heute weder Feriado (Feiertag) noch Feriadão, noch Feriadinho (kleiner Feiertag) ist, sondern ein ganz normaler Arbeitstag. Alle gratulieren mir, und dann setze ich mich mit Diogo wieder ans SolidWorks. Für Leute, die ich gut kenne, habe ich noch ein paar Rochers in der Gaveta, in der Schreibtischschublade, wenn z.B. unsere Informatiker Sandro und Marcelo, die in einem Büro arbeiten, mal reinschneien. Irgendwann vormittags kommt die Sekretärin von Cesar herein und überreicht mir eine Glückwunschkarte vom Chef:

Als Dank gibt’s ein Rocher.

Den Nachmittag verbringe ich mit einigen Berechnungen, und dann kommt noch die Personalsekretärin: Geld! Die Abrechnungsperiode reicht eigenartigerweise nicht vom Monatsersten bis zum folgenden Monatsersten, sondern die Trennung ist am 25. So bekomme ich dieses Mal noch kein volles Monatsgehalt. Ich muss unterschreiben, dass ich mit den zeiterfassten Stunden concluído, einverstanden, bin, und erhalte mein Geld, in bar.

Als Dank gibt’s ein Rocher.

Das liegt aber nur daran, dass ich kein Konto bei der Banco do Brasil habe, die meisten Leute haben dort ein Konto und bekommen ihr Gehalt überwiesen. Jones fragt, ob in Europa der salário auch montlich gezahlt würde, oder wöchentlich wie in den Estados unidos. In der Firma, wo er zuvor gearbeitet hatte, gab es eine Niederlassung im Amazonasgebiet und in Bahia. Dort habe man den Lohn stets täglich bezahlt. Sonst würden sich die Arbeiter heillos betrinken, und am nächsten Tag nicht auf der Arbeit erscheinen. Oder halt 2 Tage Karneval feiern, aber so das Vorurteil, in Bahia, der Wiege des Karnevals, würden die Leute ja eh das ganze Jahr über Karneval feiern. Das sind weit verbreitete innerbrasilianische Vorurteile und Konflikte, der reiche Süden gegen den armen Norden.
Danach ging’s dann auch schon schwer auf Feierabend zu, und während ich noch mit Diogo in Excel meine und seine Stunden durchrechne, kommt Hélvio. Also schnell wieder auf SolidWorks umgeschaltet. Hélvio will irgendein wirres Zeug zum Desbobinador wissen, was ich ihm gestern alles schon erklärt hätte, und versucht mir dann unter die Nase zu reiben, Giselli aus der Qualität habe heute auch Geburtstag, und qual coincidência, welch ein Zufall, würde heute auch 27. Ist natürlich ein Brincadera, ein Scherz. Aber Silvia und Giselli bereiten irgendetwas vor, gar keine Frage. Simones Tisch haben sie schon in die Raummitte gezerrt, ein paar Refrigerantes und in Paniermehl überbackene heiße Bratwürstchenstücke darauf abgeladen. Hélvio ruft alle aus dem Büro zusammen und erklärt: Etwa alle zwei Monate machen sie eine kleine Geburtstagsfeier, und heute wäre ein guter Anlass. Marcos (der letzte Woche Freitag beim Boulespiel den Pokal gewonnen hatte) und ich – da könnte man ja einen Dia dos Marcos draus machen, und Silvia hatte wohl kurz vor meinem Arbeitsbeginn am letzten Märzwochenende Geburtstag, da wäre es jetzt mal wieder angebracht, Parabéns pra você zu singen.


Fast alle Kollegen von Olsen

Dann gab es noch ein paar nette Gespräche hier und da, und schon war auch dieser Tag geschafft. Na halt, noch nicht ganz:
Zu Hause kamen weitere Skype-Anrufe an, ich verabredete mich mit den Jungs für morgen abend in Blumenau, und rutzbutz war die Zeit um und ich musste in die Eisdiele, wo ich schon gestern abend einen mesa para 10 pessoas bestellt hatte. Vera, Sebastian, Takuyo und Rika waren schon da, und hatten einen leckeren Kuchen gebacken. Etwas später trudelte auch Felipe ein, viele von Euch werden ihn aus Ilmenau kennen, wo er im letzten Jahr zusammen mit uns Wirtschaftsingenieurwesen studiert hat – mesmo intercâmbio, gleicher Austausch. Tatiana kommt noch und Mitpraktikant Rodrigo, und bei Crêpes, Säften und Bier schneiden wir mal den Kuchen an. Tatiana und Felipe haben uns versichert, dass es keinesfalls unhöflich sei, den Kellner nach zehn Tellern und Besteck zu fragen und mitgebrachten Kuchen zu essen – zumindest nicht an Geburtstagen. Außerdem hätten wir ja vorher auch Crêpes bestellt. Michelle kam und irgendwann auch Luiz, und sie haben mir einen dünnen Pullover geschenkt, den würde ich wohl in Kürze brauchen. Waren wohl nach’n Brenninkmeyer aus Mettingen gewesen. Interessant ist, dass alle aus verschiedenen Gruppen kommen (Gasteltern, Mitpraktikanten, Austauschstudenten, …) und sich auf Anhieb gut verstehen. Luiz und Michelle haben sich richtig nett amüsiert, sagen sie mir auf dem Heimweg.


Felipe, Vera und Sebastian

Quarta-feira, Maio 04, 2005

Bucho de Boi

Heute gab es Bucho de Boi in der Kantine. Ochsenmagen. Brrrr. Ich geh ja immer mit Claudio, Rodrigo und Diogo essen, und die haben gefeiert, als ich mir ein bisschen was zum Probieren aufgeladen haben und nicht verstanden habe, was es war.
Mit Diogo habe ich ein wenig weiterkonstruiert, und ansonsten mal mit meinem Praktikumsbericht angefangen.
Am Abend erreichen mich die ersten Skype-Anrufe von Leuten aus Deutschland, die mir zum Geburtstag gratulieren wollen - in Deutschland wäre es schon so weit.

Terça-feira, Maio 03, 2005

neu eingekleidet

Mit Konstrukteur Diogo bin ich heute angefangen, den Desbobinador in SolidWorks zu konstruieren. Das ist schon ein nettes Programm, nur ist es für die Brasilianer sehr schwer zu verstehen: Es gibt offenbar keine Variante in brasilianischem Portugiesisch, und mit den Englischkenntnissen ist es ja auch meist nicht so weit her. Das heißt: Wenn die Hilfefunktion aufgerufen wird, muss ich übersetzen. Außerdem hat Olsen wohl nur das reine Programm gekauft, ohne Normteilbibliotheken. Will heißen: Als wir eine parafuso (Schraube) und eine Mutter (porca) benötigten, mussten wir sie zeichnen.
Außerdem habe ich jetzt von der Personal-Sekretärin mein Vale Transporte, eine Chipkarte (cartinho) für den Stadtbus bekommen. Da sind die Brasilianer weiter als die Deutschen.
Abends war ich noch im Beira-Mar Shopping Center, wo ich mir bei Renner eine Jacke und eine lange Hose gekauft habe – das wird jetzt erforderlich. Überhaupt gibt es in diesem Shopping Center nur teure Boutiquen, einzig zwei Klamottenläden, wo es normale Sachen gibt: Zum einen bei den Gebrüdern Brenninkmeyer aus Mettingen, zum anderen bei Renner, eine Art brasilianisches H&M.
Im Beira-Mar Supermarkt habe ich dann noch Süßigkeiten gekauft, die ich am Donnerstag ausgeben werde.

Convite para meu aniversário

Olá pessoal,

No dia 5ª, 05.05.05 farei aniversário.
Se vocês estiverem em Florianópolis neste dia, queria convidar-vos para celebrar esse evento comigo.
Porque não gosto de comer mais Rodízio de Churrasco nem Rodízio de Pizza (estou cheio destes), decidia de convidar-vos numa sorveteria.
Nós encontraremos-nos às 20:30 hrs. na sorveteria/creperia em Corrego Grande (que fica oposto ao posto de gasolina em Corrego Grande, 100m antes do Parque Florestal)

Qualquer tem perguntas, ligue-me, melhor depois 19 horas.

Marcus

Auf Deutsch:

Hallo!
Am fünften Tag (=Donnerstag), dem fünten fünften null-fünf werde ich Geburtstag haben.
Falls Ihr an diesem Tag in Florianópolis sein werdet, würde ich Euch gerne einladen, dieses Fest mit mir zu feiern. Da ich keine Rindfleischgrillrunde und auch keine Pizzarunde mehr mag (ich bin voll davon), habe ich mich entschieden, Euch in eine Eisdiele einzuladen.
Wir werden uns um 20:30 Uhr in der Eisdiele/Pfannkuchenhaus im Stadtteil Corrego Grande treffen (die sich gegenüber der Tankstelle, 100m vor dem botanischen Garten befindet).
Falls Du Fragen hast, ruf mich an, am besten nach 19 Uhr.

Marcus

Domingo, Maio 01, 2005

Rodeo

Um 5 ins Bett kommen und um halb 9 aufstehen ist schwer. Nachdem wir drei fertig waren, haben wir uns mit Anne am Busbahnhof getroffen und Markus, Carlos sen. und jun. haben uns abgeholt. Heute in Forquilhinhas großes Rodeo, eines der größten Feste in Grande Florianópolis, gestern waren allein 60.000 Leute dort. Eine Gaúcho-Kirmes, mit Churrasco und Rodeo-Reiten bis zum Abwinken, die 10 Tage dauert. Carlos sen. ist im Organisationskomitee, und hat mit ein paar Freunden eine Art Zelt dort. Abends ist es ein Restaurant, und jetzt über den Tag haben sie Freunde und bekannte eingeladen, ein Schwein aufgespießt, und die Zapfanlage läuft kostenlos. Laut Wischmeyer ein Deutsches Paradies.


Carlos mit der Gabel am Rolete de Porco

Wir schauen uns ein bisschen Rodeo-Reiten an, obwohl dort noch nicht viel los ist, Kinder-Wettbewerbe etc. Am Abend wird hier der Bär toben, aber egal. Wir machen uns zurück, die Jungs und Anne müssen ja noch 200…250 km Busfahren und Carlos jun.: zum Flughafen.
Am Nachmittag sind bei mir wieder diverse Telefonate, danach großes Ausruhen angesagt. Carlos, Boa Viagem! Encontremos em Ilmenau no ano que vem!