Marcus in Brasilien

Sábado, Abril 30, 2005

Carlos' Abschiedsfest

Auch wenn ich gestern spät heim bin, muss ich heute früh raus, denn schon ab 9:30 Uhr soll in São José das Fußballturnier deutsche gegen brasilianische Studenten stattfinden. Und ich muss mit dem Bus dahin fahren, Vera und Sebastian wollen erst mittags mit dem Auto zum Churrasco nachkommen. Als ich dann ankam, war es aber nur ein Fest von Carlos: Seine Verwandten und Freunde waren da, und keine anderen Brasilianer, die nach Deutschland gehen. Die hätte ich ja gerne einmal kennengelernt. Carlos’ Freunde sind alle ziemlich professionelle Fußballspieler, und da ich sowieso noch kaputt von gestern bin, lasse ich das mal lieber sein mit der sportlichen Betätigung. Wir machen ein Buch für Carlos mit Adressen von Eltern und Ilmenauern, wo sie anrufen können, und schreiben ihm etwas Deutsches Liedgut auf, von „Ein Prosit“ bis Tocotronic. Forsti, Steve und Anne sind aus Blumenau, Jaraguá und Joinville gekommen (Steve ist schon seit 4 Uhr auf den Beinen und seit 5 Uhr mit dem Bus unterwegs) und irgendwann treffen auch Vera und Sebsatian mit Milene und Tatiana ein. Es gibt lecker Essen, wobei Carlos’ 13-jährige Cousine nervtötend abwechselnd allen Jungs auf die Pelle rückt. Nach dem Essen wird der Kofferraum von einem Kumpel von Carlos aufgemacht, und der Brüllschrank im Kofferraum aufgedreht, dass es nur so wummt.


Carlos hat ja tolle Freunde...

Übereinstimmend müssen wir feststellen, dass brasilianische Jungs mit schweren silbernen Ketten und krassen Doofenkappen über den Reifegrad eines 13-Jährigen nicht hinauskommen, denn für sie ist es das tollste, den Mädels durch Streichhölzer flitschen (festhalten, und über die Zündfläche an der Schachtel wegschleudern) zu imponieren. Steve und Christian können bei mir übernachten, und so fahren wir zurück zu mir, unterhalten uns mit Luiz und Michelle, um abends nach Lagoa de Conceição aufzubrechen. Nach einer kleinen Cocktail-Bar, einer Pasteleria und endlosem Umhergelaufe entdecken wir in der Nähe des TILAG endlich mal eine urbrasilianische Disko, mit verträglichen Eintrittpreisen (12 Reais) und verbringen dort den Abend. Nachdem Trampversuche erfolglos bleiben, erkundigen wir uns beim TILAG-Wachmann, wann der erst Bus zurück nach Floripa fährt: In einer halben Stunde, um viertel nach 4 morgens. Na gut, da lohnt kein Taxi, die halbe Stunde bekommen wir auch noch mit einem X-Salada (Burger) in einer Kneipe totgeschlagen und dann ab in den Bus. Der ist wie auf der Hinfahrt schon voll mit Kuttenträgern, da in einer anderen Disko in Lagoa heute eine rabenschwarze Metal-Party war.


Die Biene Markus ist der einzige, der Fußball gespielt hat.

Sexta-feira, Abril 29, 2005

Festa do Trabalhador

Heute ist der erste Freitag, an dem ich mal produktiv gearbeitet habe, als dass ich nämlich die Vorgangsliste der Olsen-Projektplaung (man höre und staune, so etwas gibt es, wenn auch nur als Word-Tabelle) ins Dotproject übernommen habe. Die automatische Fortschrittsberechnung ist aber momentan noch mit Vorsicht zu genießen, da die Bengels keine Projektzeiterfassung haben und ich die Vorgangsgewichtung zunächst schätzen musste. Ich hoffe, dass wird sich dann beim Erzeugen der wöchentlichen Forstschrittsmarken und Arbeitsaufwandserfassungen einpendeln. Ob das Tool zur Kostenerfassung hier jemals benötigt wird, steht in den Sternen.
Aber was soll’s, heute Abend ist ja dicke Party: Da der 1. Mai auf einen Sonntag fällt, feiert man in diesem Jahr nach der Arbeit den Tag der Arbeit. Alles wird vom Mitarbeiterverein AFO, Associação das Funcionários da Olsen, organisiert, der sich über kleine Mitgliedsbeiträge und den Verkauf der Metallspäne finanziert. Silvia hat schon seit Tagen nichts anderes zu tun. Es gibt ein Bocha- (Boccia, oder Boule) und ein Sinuca- (brasilianische Schreibweise für Snooker, Billard) Turnier. Sowie natürlich Churrasco bis zum Umwinken, eine Tombola und das Highlight des Abends: Ein Auftritt der Mitarbeiterband „Olsen Boys“, wo viele Kollegen, gleichermaßen aus der Werkstatt und dem Büro, mitspielen und die Stimmungsschlager à la „Blowin’ in the wind“ und aktuelle brasilianische Lieder spielen. Die Instrumente werden übrigens gestellt, und die Band tritt auch bei lokalen Festivitäten, Kirchfesten, etc. auf.
Das Volleyballturnier musste wegen schlechtem Wetters leider ausfallen, dafür hat Kollege Marcos das Bochaturnier gewonnen – an seinem Geburtstag.


Später am Abend hat sich auch noch Jones ans Schlagzeug gesetzt, und mir erzählt, dass er in seiner Jugend langhaarig mit einer Band durch halb Santa Catarina getourt sei. Personalleiter Névio (heute nur noch wenig Kopfhaar) erzählt mir stolz, er und fast alle Leute von Olsen hätten in den ersten Jahren lange Haare gehabt.
Da Claudio, immer noch wegen Stress mit der Freundin, heute zu seinen Eltern nach Lages in Zentral-Santa Catarina gefahren ist, haben Rodrigo, Jones und ich bei Márcio, dem Chef des Rechnungswesens, Carona genommen. Er hat einen Peugeot (sehr teuer in Brasilien) und wir sind mit in Rekordgeschwindigkeit über die Küstenautobahn, die Zubringerautobahn nach Floripa und die Beira-Mar bis nach Santa Mônica gebraust. Márcio wohnt in Corrego Grande, das liegt auf dem Weg.

Die Olsen Boys

Quinta-feira, Abril 28, 2005

Contra a parede

Heute Abend war ich bei Vera und Sebastian zum Essen eingeladen, es gab lecker Kartoffelsuppe. Danach haben wir uns noch mit Wagner (ein brasilianischer Student aus Bahia, dem ich auch hin und wieder über den Weg laufe), seinem Kumpel Zacharias und Milene im Kino getroffen, um uns einen deutschen Film anzuschauen: Gegen die Wand. Bei den türkischen Szenen konnte ich gar nicht so schnell den portugiesischen Untertiteln folgen, so schnell wie die geredet haben. Aber junge Türken reden untereinander auch viel Deutsch: „Ey Dicker Dein Türkisch ist grottenschlecht, bist’n richtiger Hamburger!“

Quarta-feira, Abril 27, 2005

Girls Day

Heute scheint bei Olsen Girls Day zu sein, ganze Schulklassen werden durch den Betrieb geführt. Claudio wird sich ärgern, der hat sich nämlich für heute krankgemeldet.
Silvia bastelt schon den ganzen Tag an irgendwelchen Karteikarten, nach dem Mittagessen ist das Rätsel gelöst: Sie hat die Einladungen für das Betriebfest am Freitag fertiggemacht. Da werde ich auf jeden Fall hingehen.
Dafür wird das mit dem Tanzkurs wohl doch nichts: Die beginnen alle etwa um 18:30 Uhr, da bin ich beim besten Willen noch nicht von der Arbeit zurück.

Terça-feira, Abril 26, 2005

Neuer Anlauf

Claudio hat sich gestern auf der Arbeit bei mir seinen Schmerz von der Seele geredet. Ich habe fast nichts verstanden, aber immer gutmütig genickt, dass hilft ja meist. Außerdem habe ich herausgefunden, dass die korrekte Bezeichnung für Desbobinador auf Deutsch Haspel ist.
Sebastian und Vera waren im Reisebüro, morgen sollen die Reisen gebucht werden. Auf die traditionelle Weise ohne viel Internet. Ist auch kaum teurer.
Ansonsten wird es langsam kälter, ich werde mir in den nächsten Tagen wohl noch eine Jacke und eine weitere lange Hose zulegen müssen.

Segunda-feira, Abril 25, 2005

São Paulo und Gewissensbisse

Claudio, meinem Mitpraktikanten geht es irgendwie schlecht, es gibt wohl Probleme mit der Freundin. Er hat also heute einen ruhigen gemacht auf der Arbeit, was gleichbedeutend mit Solitär-Spielen und Surfen ist. Stört aber offenbar niemanden.
Abends rief Milene an, ob ich denn mitkommen wolle nach São Paulo, dann würden wir uns heute Abend bei Vera und Sebastian treffen und die Flüge im Internet buchen. Puh, das kommt jetzt aber plötzlich, ist doch noch Zeit bis zum 16.-19. Juni, das anvisierte Wochenende? – Nein, ist eine Promoção, ein Angebot, wir müssten jetzt buchen und und und. Als wir dann so bei Vera saßen, überkamen mich dann irgendwie Gewissensbisse gegenüber den Austauschkollegen, ob ich da überhaupt so mir nichts Dir nichts Hals über Kopf nach São Paulo rauschen sollte. Auf der einen Seite kann ich da nicht eben mal weitere Gäste mitbringen, auf der anderen Seite verhalte mich ziemlich egoistisch, wenn ich ohne Bescheid zu geben mit anderen Leuten über ein Wochenende nach São Paulo fliege...?

Milene verzweifelt am PC

Wie auch immer, die Reservierung hat eh nicht geklappt: Mit Bastians Kreditkartendaten haben wir es nicht geschafft, weil er keine CPF (Cadastro de Pessoa Física, die staatliche Ein-und-alles Nummer für natürliche Personen) hat. Vera hat zwar eine CPF, aber eine deutsche VISA-Karte, und da konnte das System auch keinen Datenabgleich im Hintergrund durchführen. Blieb nur noch Milene, die sowohl eine CPF als auch eine brasilianische Cartão crédito besitzt, diese aber mit ein Limit von 1000 R$ ausgestattet ist. Ainda não conseguíamos: Noch haben wir es nicht geschafft.

Dafür gab es etwas zu essen: Rika, Anna und Takuyo

Domingo, Abril 24, 2005

Volleyball und eine Einladung nach São Paulo

Nach ausgiebigen Skype-Telefonaten habe ich noch etwas im Tagebuch geschrieben, und mich mit Markus, dem es wieder besser geht, zum Volleyball im Parque Florestal getroffen, um wieder mit den Leuten aus der Studentengemeinde ein paar Bälle übers Netz zu schmettern. Da das Feld besetzt war, sind wir dann gemeinsam weiter zum Sportplatz der UFSC, wo wir bis in die Dunkelheit gespielt haben. Abends haben wir uns dann noch mit Vera und Sebastian, Rika und Takuyo, Milene und Tatiana beim Mexikaner in Lagoa de Conceição getroffen. Anna hat Besuch aus Holland, ihre Schwester und deren Freund sind da, und Milene und Tatiana haben auch Besuch: ihre Schwester Patricia war übers Wochenende aus São Paulo gekommen und hat uns spontan eingeladen, im Juni mal für ein Wochenende vorbeizuschneien. Rika und Takuyo machen inzwischen gute Fortschritte im Portugiesisch, ist beachtlich wie viel die in den letzten zwei Wochen gelernt haben. Meine Kenntnisse in der niederländischen Sprache beschränken sich inzwischen auf fünf Sätze, ich schweife immer wieder ins Portugiesische ab. Markus und ich werden aller Wahrscheinlichkeit mit Milene und Tatiana einen Tanzkurs machen.

Sábado, Abril 23, 2005

Balneário Camboriú

Am Donnerstagabend hat mich Claudio an der Rodoviária abgeliefert, und von dort aus ging es mit dem Bus nach Balnéario Camboriú, wo ich mich mit Steve und Christian getroffen habe. Markus ist leider nicht aus Florianópolis mitgekommen, da er immer noch krank ist. Mit den Hoteltipps von Carlos konnte Christian (der als erster ankam) wenig anfangen, die lagen alle so etwa bei 230 Reais pro Nacht und Person, ein paar Straßen weiter hatte er dann Erfolg im Hotel „Estrela do Mar“, das mit 20 Reais pro Nacht und Person doch eher in unsere Preisklasse fiel. Balneário Camboriú ist so etwas wie das Mallorca für Argentinier, also eher eine Partymeile mit hässlichen Hochhäusern.

von links nach rechts: 5km

Am Ankunftsabend sind wir noch durch ein paar Kneipen gezogen, und am nächsten Morgen dann mit einer Seilbahn zu einem anderen Strand gefahren. Dort war aber auch irgendwie nichts los, schließlich ist ja die Saison schon zu Ende, und die Strände waren klein und eher schmutzig.

Larranjeiras sieht aus der Seilbahn eigentlich ganz nett aus, ist aber auch kein Hit.

Abends sind dann noch Anne und Ingmar vorbeigekommen, mit denen wir in einer Sorverteria waren: eine Eisdiele, in der man sich seinen Eisbecher selbst zusammenstellt, mit Früchten belegt und dann wiegen lässt. Abgerechnet wird wie so oft in Brasilien zum Kilopreis. So haben alle erst einmal von ihren Praktikumserfahrungen berichtet, Ingmar wir ab nächster Woche endgültig in Rio anfangen und dann mal schlappe 18 Busstunden entfernt sein…
Nach einer weiteren Kneipe waren wir dann noch ein einer Danceria (Disco), dort wurde aber Hippi-hoppi gespielt.


noch ein Discofoto

Fünf Kilometer Fußweg umsonst, die reichen Brasilianer fahren natürlich dort lieber im Audi-TT-Cabrio vor. Bis wir, mit Zwischenstationen an einer Strandbar und einer 24h-Lanchonette, wieder im Hotel waren, ging die Sonne auf, so dass der Samstagmorgen mit Descansar (Ausruhen) verbracht wurde. Bemerkenswert ist die Lanchonette: ein Mini-Markt für Lebensmittel und die notwendigsten Haushaltswaren, Bäckerei/Konditorei, Zeitschriften, Bar mit Cocktails, Hamburgern und Sanduiches, mit Sitzgelegenheit für ca. 20 Personen und Kellnern. Geniales Geschäftsmodell, meines Erachtens wäre ein solcher Laden z.B. für das Campus-Center in Ilmenau die Rettung.
Am Samstagnachmittag sind wir dann mit einem Bus zwei Strände weiter nach Norden gefahren, Praia des Amores, wo es wirklich gut und naturbelassener war. Hier gingen halt die normalen Leute baden. Abends waren wir in einer weiteren Sorverteria und haben es etwas ruhiger angehen lassen, bevor wir Sonntagvormittag wieder die Heimreise angetreten haben.

Quinta-feira, Abril 21, 2005

Tiradentes

Der heutige brasilienweite Feiertag „Tiradentes“ fällt auf einen Donnerstag, so dass viele Unternehmen schon am Mittwochabend ins Wochenende gestartet sind. Bei Olsen gab es bereits zwei Wochen vorher eine Umfrage unter den Mitarbeitern, entweder am Donnerstag oder Freitag frei zu haben. Eine knappe Mehrheit hat sich für den Freitag entschieden, so dass ich nun am Feiertag im Büro sitze (ich musste eine halbe Stunde eher aufstehen, weil nur vereinzelt Busse fahren) und mich etwas über den Grund dieses Feiertages informiere: „Es ist das Gegenstück zur Boston Tea Party“, meinte Luiz, und beschreibt einen Aufstand der Mineure (Einwohner des heutigen Bundesstaates Minas Gerais) in ihrem Unabhängigkeitskrieg gegen Portugal. Ihr Anführer, Joaquim José da Silva Xavier, war Zahnarzt und hatte den Spitznamen „Tira Dentes“, Zahnzieher. Er starb bei diesem Aufstand am 21. April 1792. Am 21. April 1960 wurde übrigens Brasilia eingeweiht…
Mehr Infos zu Tiradentes: hier

Terça-feira, Abril 19, 2005

Marktsystemtheorie bestanden

Der Welt wird dieser Tag als Wahltag des neuen Papstes Benedikt XVI. in Erinnerung bleiben. Kurz zuvor erreichte mich ein Handyfoto von der Notenliste, dass ich Marktsystemtheorie bestanden habe. Es sind mal wieder 60% Fünfen gewesen, ich habe mit 3,7 die beste Note! Durchschnittsnote 4,53 - das ist durchgefallen. Ich bin ein richtiger Streber, oder?


24xxx hängt schon länger in der Wegehenkel-Schleife

Domingo, Abril 17, 2005

Deutsches Bier

Mitpraktikant Claudio hat ja schon angekündigt, dass er für den Heimweg keine Spritkosten haben möchte, aber gerne mal Deutsches Bier probieren würde. In Blumenau gibt es das bestimmt. Und tatsächlich, im Supermarkt entdecken wir Köstritzer, Erdinger und Warsteiner.
Bis zum Bus vertrödeln Steve und ich noch einige Stunden an diversen Busterminals in Blumenau, ich erwische leider keinen Direktbus nach Floripa, aber das macht nichts, ich habe nicht so viel mitbekommen von der Rückfahrt.

Sábado, Abril 16, 2005

Blumenau

Da geht man zum Hotelfrühstücksbuffet mit Lecker Kuchen im Hermann, grüßt die anwesenden Gäste freundlich mit „Boa dia“, und was antworten sie? – „Moin“. Die Gäste sind drei Männer um die fünfzig aus dem Saarland, einer hat sich gerade pensionieren lassen (meine Vermutung: Alki auf Entzug, der macht’s eh nicht mehr lange) und hat sich deswegen ein Haus in der Nähe von Blumenau gekauft, wo er seinen Lebensabend verbringen will. Der zweite hat eine brasilianische Frau und will mit seinem Betrieb nach Brasilien expandieren. Der Dritte arbeitet noch: bei Decoma, wo auch sonst? Von der pgam-Insolvenzmeldung hatten sie noch nicht gehört, also hatte ich eine Neuigkeit für die Sportsfreunde, übrigens alle gelernte Werkzeugmacher.

Blumenau mit Kathedrale

Danach bin ich dann mit Steve in die Stadt, Christian hat noch was mit seiner Gastfamilie vor und will erst am Nachmittag zu uns stoßen. Ich habe mir eine Telefonkarte gekauft und mal versucht, meinen Onkel Edgar anzurufen, der in Blumenau als Franziskanerpater arbeitet. Die Gemeindesekretärin, die ich am Telefon hatte, sagte mir, es sei ein großes Fest in der Kathedrale von Blumenau, wo Edgar zuvor Pfarrer war, und Edgar sei den ganzen Tag dort. Also auf zur Kathedrale! Dort war tatsächlich eine große Veranstaltung, eine Messe hatte gerade begonnen und wir bekamen Programmhefte in die Hand gedrückt: Ordenação Episcopal. Was konnte das sein? Das Fernsehen war da, die Kirche rappelvoll, mindestens 50 Leute am Altar…
Da es gerade angefangen hatte, haben wir beschlossen, dass die Besichtigung von Blumenau für uns wohl wichtiger ist als die Ordenação Episcopal. Und während wir noch über die Bedeutung des Wortes rätselten, haben wir einen netten, aber menschenleeren Park samt Museumsschiff gefunden, einzig drei Angestellte auf dem alten Dampfer warteten auf mögliche Besucher.
Irgendwann, als wir dachten, jetzt könnte die Messe mal zu Ende sein, sind wir wieder in die Kathedrale – wo übrigens ständig Leute aus- und eingingen – aber sie waren noch nicht wirklich vorangekommen mit der Messe. Also waren Steve und ich zum Safttrinken in einer Bäckerei und haben schon mal mögliche Restaurantes a quilo für das anstehende Mittagessen inspiziert. Als wir zum vierten Mal die Stufen der Kathedrale hinaufstiegen, war die Messe zu Ende und wir hatten auch herausgefunden, dass es sich um eine Bischofsweihe handelte. Wir trafen einen Franziskanerpater, und fragten ihn, ob er Edgar kenne und wisse wo er sich aufhalte. Seine weise Antwort: „Ihr werdet ihn treffen.“ Weitere Minuten vergingen mit Durchfragen, und sicherlich gibt es keine Bischofsweihe ohne einen ordentlichen Festschmaus hinterher. Unser Glück, dass Edgar dort sozusagen Empfangschef war, und uns hereinlotste. „Jungs, holt Euch was zu trinken und seht zu, das ihr was zu essen bekommt, ich muss hier weiter den Empfangschef spielen“. Und schon saßen wir am einzigen freien Tisch, ein Chor sang (es war der Chortisch, an dem wir saßen), und ein alter Mann saß uns gegenüber, der sich über Besuch aus Deutschland freute. Alle schienen ihn zu kennen und wollten ein gemeinsames Foto mit ihm: Es war Cardeal Arns, der lt. Edgar 250 Ehrendoktortitel besitzt. Eine geringfügige Übertreibung, lt. Wikipedia hat er nur zwei. Am morgen beginnenden Konklave zur Papstwahl wird er nicht mehr teilnehmen, da er bereits 84 Jahre alt ist. Während Edgar erzählt, auf diesem Fest seien fast alle wichtigen Leute Blumenaus vertreten, Richter, Staatsanwälte, Polizeipräsidenten, etc., lernen wir weitere wichtige Leute kennen: Mit 40 Leuten aus dem Raum Vechta ist der Bischof von Münster angereist, der mir mit einen äußerst zutreffenden Satz im Gedächtnis blieb: „Brasilien ist ein eigener Kontinent, und dennoch liegen alle Extreme auf dichtestem Raum nebeneinander.“

Edgar

Irgendwann ist Christian noch angekommen, Edgar hat uns ins Auto gesetzt (ein Golf, aus Deutschland importiert und mit hydraulischer Lenkung) und ab ging’s durch Blumenau. Will heißen: Edgar kennt keine neuen deutschen Wörter wie z.B. Servolenkung, weil er bereits seit 47 Jahren in Brasilien ist. Als erstes haben wir gelernt, was ein „Weichensteller“ ist: Sein Nachfolger in der Kathedrale. Dann waren wir bei ihm der Gemeindekirche, und haben besichtigt, was er schon alles renoviert hat. Ist wirklich schick dort. Und auch die nächsten Bauprojekte stehen schon an: „Als nächstes reiß’ ich hier die ganzen Palmen weg und mache Parkplätze daraus“ – „Aber Edgar, lass doch die Bäume stehen, sieht doch gut aus“ – „Nix, die Kirchbesucher sollen ihre Autos auf dem Gelände parken, dann machen wir bei Messebeginn das Tor zu, es wurden schon Autos von der Straße geklaut, während wir Messe feierten! Da kann ich besser mal jemandem 10 Reais in die Hand drücken, der während der Messe auf die Kisten aufpasst. Und die Palmenblätter fallen herab und zerstören die Autodächer, die Palmen müssen also weg…“. Aha. Hinter der Kirche gibt es ein großes Gelände zum gemütlichen Beisammensein, irgendwann bald ist Pfarrfest und da wird es aus allen Churrascoöfen nur so qualmen.

Oktoberfest in Blumenau, Brasiliens größtes Volksfest

Nächste Station war das Oktoberfestgelände. Wer mal in München war: Blumenau steht dem nichts nach, nur dass die Zelte in München in Blumenau feste Hallen sind, teilweise groß wie Fußballstadien. Und vorne vor westfälisches Fachwerk: außen hui, innen pfui.
Wieder im Auto will uns Edgar jetzt noch Armen- und Reichenviertel zeigen. Nach einer Vollbremsung (Radarfalle, „und den neuen Polizeichef kenne ich noch nicht gut“) und einigen Umwegen erreichen wir tatsächlich einen tollen Aussichtspunkt, wo die Straße Reichenviertel vom Slum teilt. Alle Extreme auf dichtestem Raum nebeneinander. Wie immer in Brasilien.
Danach lädt uns Edgar noch zu sich nach Hause ein, er wohnt mit einigen Mitbrüdern im 4. und 6. Stock eines Hochhauses, das nur 6 Stockwerke hat, dafür hat der sechste Stock eine Dachterrasse mit Swimmingpool. „Aber den nutzen wir kaum, keine Zeit“. In seiner Wohnung im 4. Stock gibt es noch etwas zu trinken und deutschen Bienenstich, wir lassen uns noch erläutern, dass hier alles über gute Freunde geht: Das ganze Essen für die Bischofsweihe habe er irgendwoher organisiert, und für einen guten Kumpel hat er neulich dessen Silberhochzeit in seiner Danceteria (Diskothek) zelebriert…

oben auf der Dachterasse

Edgar hat und noch zum Hotel Hermann zurückgefahren und eines ist sicher: Wir werden ihn wiedertreffen.
Am Abend sind wir dann über eine Zwischenstation in der Tulpa noch in ein Pizza-Rodízio gegangen. Ich schätze mal Blumenaus größtes Restaurant außerhalb des Oktoberfestgeländes. Die Pizza war gut, aber irgendwann reicht es einfach. Zumindest ich habe mich heillos überfressen, aber festgestellt, dass sowohl Deutsche als auch Brasilianer am Buffet scheitern. Pizza-Rodízio brauche ich in den nächsten Wochen nicht mehr!
Auf dem Weg zum Oktoberfestgelände, wo heute ein Konzert stattfinden soll, waren wir noch in einer weiteren Kneipe, und kamen dann auf dem Gelände an, wo wir dank Internationalem Studentenausweis für 10 Reais eintreten durften. Doch halt: erst in die Schlange angestellt. Eigentlich gab es zwei, eine die für Männlein und eine für Weiblein, wegen den Eintrittskontrollen. Innendrin gab es ein Wettbewerb von Uni-Bands, etwas ärgerlich war, dass sie alle nur für in Lied auftraten. Der Headliner des Abends waren dann die Detonautas, eine in Brasilien recht bekannte Rockband mit ziemlich cooler Internetseite.
Irgendwann spät haben Steve und ich uns auf den Rückweg zum Hermann gemacht, und noch kurz in einer Lanchonette vorbeigeschaut. Fazit: Zweifelsohne unser bisher erlebnisreichster Tag.

Sexta-feira, Abril 15, 2005

Auf dem Weg nach Blumenau

Heute morgen kam Sandro, der Hardwaretechniker, vorbei und hat nun endlich die Netzwerkdose angeklemmt, so dass ich jetzt Internet auf der Arbeit habe. Es mussten noch einige Einstellungen vorgenommen werden, jetzt kann ich mich mit meinem eigenen Benutzernamen im Olsen-System anmelden, und das dauert seine Zeit, schließlich musste ich ihm die deutschen Bildschirmmeldungen erst einmal auf Portugiesisch übersetzen, und der Vormittag ging blitzschnell vorbei. Am Freitagmittag habe ich mir in der Mittagspause telefonisch ein Ticket für den Direito (Direktbus) nach Blumenau bestellt, sehr problemlos und das erste Mal, dass ich mit meinem guten Namen gezahlt habe. Problematischer wurde es dann, zur Rodoviária zu kommen: Zum Überstunden abbauen hatte ich etwas eher frei bekommen, leider ließ der ansonsten stets pünktliche Bus von Jardim Eldorado nach Florianópolis auf sich warten, da es ein Stau auf der BR-101 gab. So blieb mir nichts anderes übrig, als auf die andere Seite der Schnellstraße zu laufen und den Daumen herauszuhalten. Alle Autos fuhren vorbei, der Uhrzeiger ging auf 17 Uhr zu, um 17:45 Uhr sollte mein Bus abfahren. An einer nahe gelegenen Tankstelle habe ich dann aus Verzweiflung die Tankenden angesprochen, und hatte gleich beim ersten Auto Glück: Ein Pensionär und sein Sohn, die aus der Nähe von Brasilia kamen und in Palhoça zum Fischen waren, nahmen mich mit. Ich habe selten Personen in Brasilien getroffen, die ich so klar und deutlich verstehen konnte und mit denen ich mich auf Anhieb so flüssig verständigen konnte. Ein echter Glücksfall, dieses Tramperlebnis! Meinen Bus habe ich noch locker erreicht, und beschlossen, dass ich unbedingt mal nach Brasilia muss, nicht nur wegen der Architektur, sondern wegen der flüssigen Aussprache.
Somit hatte ich noch etwas Zeit an der Rodoviária, und habe erstmals meine Prepaid-Karte aufladen müssen, was mit einiger Hilfe des entspannten Kioskbesitzers auch geklappt hat. Leider verpasse ich heute die Abschiedsparty von Juliane, die in Lagoa de Conçeião heute ihren Ausstand feiert und morgen wieder zurück nach Deutschland fliegt. Que pena! = wie ärgerlich.
Dafür treffe ich mich abends mit Steve und Christian in Blumenau, die mich in den Biergarten „Eisenbahn“ lotsen wollten. Leider heißt der Biergarten „Biergarten“, und Eisenbahn ist die Blumenauer Brauerei, so dass ich beim Durchfragen doch einigermaßen auf Probleme stoße. Egal, nach einigen Busrunden treffe ich die beiden dann eine Kneipe weiter, in der Tulga gegenüber der Kathedrale. Steve hat bereits ein Zimmer im Backpackers-„Hotel Hermann“ gebucht, und nachdem wir dann noch einmal kurz im Biergarten waren, sind wir dann auch ins Hotel. Das war auch im Nachhinein betrachtet besser so, denn es sollte uns ein spannender Samstag erwarten.


Hotel Hermann: Ausnahmsweise mal ein wirklich historisches Fachwerkhaus

Terça-feira, Abril 12, 2005

*1979 pgam †2005

So ganz überraschend kam die Meldung ja nicht: Nachdem pgam per Ad-Hoc-Meldung bereits im März auf einen erheblichen Wertberichtigungsbedarf hingewiesen hatte, kam heute die Insolvenzmeldung meines Ausbildungsbetriebes. Ein weiteres Mal bin ich sehr glücklich, dass ich beim Börsengang im Herbst 2000 keine pgam-Aktien gekauft habe.

Kursverlauf der pgam-Aktie vom Börsengang bis zur Insolvenz

Olsen wurde 1978 gegründet, ist in alleinigem Besitz von Cesar Olsen und hat somit pgam heute überlebt.

Sorry, ich hänge mit dem Blog inzwischen mehr als zwei Wochen hinterher. Ich habe eine stichpunktartige Liste zu jedem Tag, die ich jetzt abklappern werde. Die letzten Wochen waren wegen Vorstellungsgespräch, letzten Portugiesischkursen und Arbeitsbeginn recht anstrengend, so dass ich wenig Zeit zum Schreiben gefunden habe. Jetzt arbeite ich schon, und zwar bei Olsen, dem Zahnarztstuhlhersteller, und alle sind im Praktikum. D.h. da wird es natürlich potentiell etwas alltäglicher, und ich kann das Schreiben nach und nach aufarbeiten. Am vergangenen Wochenende habe ich bereits die dritte Märzwoche aufgearbeitet, da wird jetzt Tag für Tag ein Artikel folgen. Seht weiter unten!

Segunda-feira, Abril 11, 2005

Kochen bei Juliane

Markus hatte heute seinen ersten Arbeitstag. Bei Eletrosul, leider ohne jegliche Vergütung. Kein Gehalt, kein Essenszuschuss, kein Busticket.
Denn das bekomme ich, denn heute habe ich meinen Arbeitsvertrag unterzeichnet bekommen. Von Cesar Olsen persönlich. Névio, der Personalleiter hat mit mir ausführlich alles durchgesprochen, ich habe jetzt eine Cartão de Ponte, eine Zeiterfassungskarte. Es ist übrigens nur möglich innerhalb bestimmter Zeitfenster zu stempeln (z.B. 7:55 bis 8:00 Uhr morgens – danach wird die Uhr inaktiviert. Wer zu spät kommt, oder eher gehen will, muss ein Formular ausfüllen, welches Hélvio unterschreiben muss.)
Außerdem bekomme ich Wertmarken für den Bus nach Palhoça sowie bald eine Chipkarte für den Stadtbus in Florianópolis, die Olsen auflädt.
Inzwischen hat Marcelo auch mein Dotproject installiert, aber zwei Tage lang kämpfe ich mit portugiesischen Sonderzeichen (ã, õ, ç und so), und die kommen häufig vor. Für den Desbobinador habe ich einige Prinzipskizzen angefertigt.


Vera, Anna, Rika, Takuyo, ..., Ines und Markus

Nach Feierabend lässt mich Claudio am Roturna (Kreisverkehr) bei Eletrosul raus und ich laufe zu Juliane, die ja auch bei Angela und Delmo, den Gasteltern von Vera und Sebastian wohnt. Sie beherbergen übrigens so etwa sechs internationale Studenten: Anna wonht noch dort und letzte Woche sind zwei Japaner eingezogen, Takuyo und Rika.


die dortigen Gasteltern Delmo und Angela sowie MMG und Juliane

Jeder muss regelmäßig ein typisches Gericht aus der Heimat kochen – heute ist Juliane an der Reihe und es gibt Kartoffelbrei mit Sauerkraut. Da Juliane eine verkappte Thüringerin ist, in der Version „Himmel und Erde“ – Kartoffelbrei mit Apfelmus. Würstchen dürfen auch nicht fehlen. Ines, Milene, Tatiana und Paolo sind ebenfalls dabei. Als ich gerade gehen wollte, komme ich irgendwie noch richtig nett mit ihnen ins Gespräch, und kann bei ihnen Carona nehmen.

Paolo, Tatiana, Sebastian, Vera, ..., Markus, Milene

Domingo, Abril 10, 2005

Praia Joaquina

„Das hätte ich Euch vorher sagen können, dass in der Vermelinha nichts los sein würde“, erzählt uns Michelle am Frühstückstisch. Unter der Woche sei viel los, aber am Wochenende feiere man in Lagoa de Conceição. Michelle wird auch an diesem Sonntag in die Uni gehen und Vorlesungen vorbereiten, und Luiz schlägt vor, er könne uns zum Strand bringen.
Unterwegs tanken wir: Man zieht den Schlüssel aus dem Zündschloss, drückt ihn mitsamt Kreditkarte dem Tanklakaien in die Hand und muss nur noch „Volltanken“ sagen, und bleibt im Wagen sitzen. Der PC mit Kreditkartenterminal befindet sich direkt an der Zapfsäule. Sobald die Zahlung von der Karte erfolgt ist, erhält man Kreditkarte und auch Zündschlüssel zurück. Luiz erzählt, eine Tankstelle habe den Sprit mal ein paar Centavos günstiger angeboten, aber die Leute mussten aussteigen und selbst tanken. Das Konzept sei nicht aufgegangen, heute ist an der Tankstelle wieder pro Zapfsäule eine Person beschäftigt.
Am Strand ist auch erst einmal descansar angesagt, und es gibt lecker Água de Coco. Leider fahren von der Praia Joaquina viel zu wenig Busse zurück nach Florianópolis, so dass wir erstmals den Daumen raushalten. Nach weniger als zehn vorbeifahrenden Autos nehmen auf der Rückbank eines kleinen Fiat Palio Platz – eingequetscht zwischen zwei Surfbretten, die dem jungen Pärchen vorn gehören und die Bedienung der Gangschaltung bereits ohne uns behindert hätten.
Luiz hatte zuvor zum Volleyballspielen mit Freunden aus der Studentengemeinde im botanischen Garten eingeladen, und so spiele ich noch ein wenig mit ihnen, auch wenn ich mit meinen grobmotorischen Fähigkeiten eher einen besseren Balljungen abgebe.
Am Abend waren wir dann noch gemeinsam in der Kirche.

Sábado, Abril 09, 2005

Descansar und Weinlokal

Nachdem die erste Arbeitswoche nun vorbei ist, bin ich trotz des vielen Rumsitzens ziemlich kaputt. Heute habe ich als ausgeschlafen. Erst abends bin ich aus dem Haus, und habe mich mit Markus, Vera und Sebastian, Anne und Ingmar in der Pipa, einem kleinen gemütlichen Weinlokal in Trindade getroffen. Vera und Sebastian sind von ihrer Reise zum Amazonas zurück und berichten ausführlich. Abends waren wir noch im Red Café, auch Vermelinha genannt (Rot heißt vermelho, und –inho/inha ist die Verniedlichungsform). Es ist eine kleine Disko in Santa Mônica, leider war aber nichts los. Komisch eigentlich, ich habe schon häufiger lange Schlangen davor gesehen. Markus übernachtet bei mir, denn morgen wollen wir zum Strand.

Sexta-feira, Abril 08, 2005

Arbeitsaufgabe: Rationalisierung in der Produktion

Heute hat Hélvio mich und Simone noch einmal mit in die Werkstatt, genauer gesagt in die Abteilung Pré-Corte, etwa Grobbearbeitung und Zuschnitt, mitgenommen. Diese Abteilung, in der es aufgrund von Bandsägen, Exzenterpressen und sonstigen Maschinen zur Grobbearbeitung etwas lauter, schmutziger und grober zugeht, ist vom eigentlichen Produktionsprozess der medizinischen Produkte räumlich getrennt und befindet sich in einer älteren Produktionshalle. Heute befindet sich hier das Lager für Wareneingang und Fertigprodukte, die Verpackungsabteilung mit der Palettentischlerei (ja, die werden schön selbst hergestellt). Bis 2002 befand sich die gesamte Produktion in dieser Halle, die neue Halle, wo heute die Stühle zusammengebaut werden, ist mal eben dreimal so groß – und es dauert nicht mehr lange, dann wird auch diese Halle aus allen Nähten platzen.
Aufgrund der anhaltenden Unternehmensexpansion treten an vielen Maschinen in der Abteilung Pré-Corte Engpässe auf, die wir durch kleine Maßnahmen beheben sollen. So werden für die Herstellung eines Blechteils zwei Arbeitsschritte benötigt: An einer Blechschere (sehr treffen Guilhotine genannt) wird eine Blechplatte in Streifen geschnitten, und an einer Exzenterpresse der Streifen zu Werkstücken verarbeitet. Da böte es sich doch an, den Stahl als Kaltband von der Rolle (bobina) zu kaufen und eine Maschine zu bauen, die diese Rolle abwickelt (ein desbobinador) und den Streifen der Presse zuführt (Alimentador). Schon ist mein Arbeitsgebiet umrissen, und das Wochenende steht vor der Tür.

Quinta-feira, Abril 07, 2005

Ausführlicher Rundgang durch die Produktion

Jetzt kenne ich viel mehr technische Vokabeln als noch letzte Woche. Denn ich laufe mit Uilians durch die Produktion. Er zeigt mir den Werkzeugbau und erklärt mir einige aktuelle Probleme beim Bau einer Vorrichtung für die Linkshänderversion eines Zahnarztstuhles. Bisher war mir die Existenz solcher Stühle unbekannt, bei denen der Zahnarzt tatsächlich auf der linken Seite des Patienten Platz nimmt und sich die Wassereinheit zur Rechten des Patienten befindet.


Zahnarztstuhl Anti-Stress, mit Rückenmassage in der Lehne

Abends habe ich erstmals bei Mitpraktikant Claudio Carona genommen, der in Pantanal in der Nähe der UFSC wohnt. Von dort aus kann ich nach Hause laufen, und muss nicht mehr mit dem Bus durch die Slums fahren. Meistens fährt Rodrigo, der in Corrego Grande wohnt, auch noch mit, und hin und wieder Jones, ein älterer Konstrukteur, der danach noch mit dem Bus weiter bis Lagoa de Conceição fährt.
Heute fahre ich jedoch nur bis zum TICEN mit, denn ich treffe mich dort mit Markus und Ingmar. Sie waren die Woche über bei verschiedenen Vorstellungsgesprächen, ohne Erfolg. Aber heute war Ingmar noch mal Cássia, die über verschiedene Kanäle irgendwie an einen Praktikumsplatz in Resende, RJ gekommen ist. RJ steht für den Bundesstaat Rio de Janeiro, 15 Busstunden von Florianópolis entfernt. Das ganze soll in einem Kernforschungszentrum sein – Ingmar ist begeistert, Anne weniger. Ob es an der Distanz oder der Strahlenangst liegt, wird ihr Geheimnis bleiben.
Markus wird mit großer Wahrscheinlichkeit bei Eletrosul anfangen. Carlos sen., sein brasilianischer Gastvater, arbeitet seit 20 Jahren bei Südbrasiliens staatlichem Energiekonzern und versucht gerade, dort einen Praktikanten unterkriegen.
Markus, Anne, Ingmar und ich versuchen im Zentrum noch ein Pizza-Rodízio zu finden, die sind aber alle ziemlich teuer, und so beschließen wir in das Restaurant zu gehen, wo ich mit Michelle und Cássia bereits am Sonntag war. Dort teilen wir uns zwei große Pizzen, habe urige italienische Atmosphäre und das ist auf jeden Fall gemütlicher als in den Rodízio-Ketten.

Terça-feira, Abril 05, 2005

dotproject

Morgens stelle ich Hélvio kurz die Demoversion der Software vor und erkläre ihm, dass sie auf dem Server installiert werden müsste, dafür aber nicht auf jedem einzelnen Rechner. Die Benutzer können sich mittels Browser einloggen, und da ja eh alle Rechner vernetzt sind, ist dieses eine praktische Sache. Hélvio ist zufrieden und erklärt: Bei Olsen gibt es zwei Informatiker: Sandro für die Hardware, und Marcelo für die Software. Letzteren ruft er an, Marcelo verspricht, er werde mir die Software installieren. Ein Linux-Server mit MySQL und PHP sei vorhanden, also kein großer Aufwand.
Bis dahin kümmere ich mich wieder um meine Vokabeln. Beim Mittagessen treffe ich Marcelo in der Kantine: Sorry, er müsse einen Rechner für die bevorstehende Gesundheitsmesse in Köln konfigurieren, und da müsste noch was programmiert werden, und das sei natürlich jetzt wichtiger als die Software für mich. Tja, und so kommt es, dass ich noch ein paar Vokabeln lerne, und heute und den gesamten Mittwoch ansonsten absolut gaar nichts zu tun habe.
Da ist es schon ein Höhepunkt, dass ich mir bei www.pauker.at, dem größten Online-Portugiesischwörterbuch, einen Login zulege und technische Vokabeln einspeichere. Hélvio hat eine Menge zu tun, und wenn ich nach dem zu unterzeichnenden Arbeitsvertrag frage, heißt es: „Tranqüile“. Das ist Hélvios Lieblingswort, wörtlich übersetzt Beruhig Dich, bei ihm universell eingesetzt immer wenn es heißen soll: Habe verstanden, geht in Ordnung, mach Dir keine Sorgen, alles zu seiner Zeit.

Segunda-feira, Abril 04, 2005

Erster Arbeitstag

Nach meiner Ankunft bei Olsen habe ich mich zunächst einmal allen Mitarbeitern im Büro, die schon da waren, vorgestellt. Morgens gab es gleich eine Besprechung zwischen Uilians (dem Arbeitsvorbereiter) und meinem Abteilungsleiter, Hélvio. Sie sind eine Liste mit Assuntos, Vorgängen, durchgegangen, die für den Start einer neuen Baureihe noch zu erledigen sind. Hélvio sagte mir: „Wenn du Fragen hast, etwas nicht verstehst, dann frag!“ Um ehrlich zu sein: Ich habe gar nichts verstanden, wollte aber auch nicht wegen jeder Kleinigkeit fragen. Uilians hat mir netterweise die 10-seitige Liste noch mal ausgedruckt, und ich habe mir nach der Besprechung mein Wörterbuch zur Hand genommen und an diesem Tag und in den Folgetagen mal schlappe 200 Vokabeln aus der Liste heraus geschrieben. Tja, wenn es da heißt: „Bei der Biegevorrichtung für die Wasserspender, aus denen der Patient seinen Becher gefüllt bekommt, gibt es Probleme mit der Materialzuführung“, dann ist das sicherlich nicht so einfach zu verstehen. Obwohl eigentlich gar nicht schwer: Denn der gemeinte Wasserspender heißt im Portugiesischen sehr treffend Bengala, Spazierstock.

Irgendwann mittags heult eine Luftschutzsirene auf, Pause. Wir Praktikanten und viele andere Leute aus dem Büro lassen den Kollegen aus der Werkstatt den Vortritt am Buffet, und surfen die halbe Stunde bis halb 1, und gehen dann los. Das Essen ist wie im Kilorestaurant, nur zu meiner Überraschung kostenlos. Es sei zwar üblich, dass der Arbeitgeber eine Stütze zum Essen dazuzahle in Brasilien, aber kostenloses Essen kenne er auch erst, seitdem er bei Olsen arbeite, erzählt mir Kollege Diogo, ein junger Konstrukteur.

Am Nachmittag konnte ich mich über einen Schreibtisch freuen, einen PC werde ich jedoch nicht bekommen. Also heißt es Rodízio de Computadora, setz Dich an einen Rechner, der gerade frei ist. Todos têm Internetschi.

Hélvio kommt vorbei und erzählt mir, dass ihm das mit der bisherigen Praxis einer Tabelle für die Projektplanung nicht gefalle, ich hätte doch etwas Ahnung von PCs und wolle doch obendrein was Richtung Projektmanagemant machen – ob ich da nicht eine gute Software kennen würde? Bedingung: Sie darf nichts kosten, und alle müssen drauf zugreifen können. MS Project scheidet also aus.

Das hört sich ja wirklich nach einer Sache an, die mich interessiert, und ich sage zu. Die nächsten Stunden verbringe am PC von Mitpraktikant Rodrigo, dem Werkstoffwissenschaftler, und suche bei SourgeForce und anderen Foren nach Open-Source-Programmen. [Anmerkung: ich schreibe mein Tagebuch in Word, und stelle gerade fest, dass die Word-Rechtschreibprüfung das Wort Open-Source nicht kennt. Hm, das ist ja typisch. Linux wird auch immer rot unterstrichen.]

Bereits zu Feierabend habe ich eine vernünftige Software gefunden, sie heißt Dotproject. In eine Demoversion für jedermann kann man sich unter www.dotproject.net/demo einloggen (Benutzer: admin, Passwort: admin).

Hélvio bietet mir Carona an, Mitfahrgelegenheit. Als ich nach Hause komme, ist Luiz aus Italien wieder da und wir schauen uns Bilder aus Turin und seinem Abstecher nach Assisi an, die er mit seiner Digitalkamera gemacht hat.

Domingo, Abril 03, 2005

Leonors Geburtstag

Nachdem ich fast bis Mittags geschlafen habe, hat mich Michelle ins Auto gesteckt, heute ist doch der Geburtstag von Leonor, einer Freundin aus der Studentengemeinde, und wir wären zum Essen eingeladen. Nach einer Zwischenstation im Manhattan-Minimercado habe ich das Dessert (Eis) beigesteuert, außer uns waren noch Leonors Mann, Hallthmann (sprich: Hautschmann), und eine weitere Freundin anwesend. Leonor ist im fünften Monat schwanger und es gab viel Salat, ein bisschen Fleisch und Wackelpudding (hier: Gelantine) mit Eis. Leonor und Hallthmann wohnen übrigens im gleichen Condominho (abgeschlossenes Gebiet mit einigen Mietwohnungen) wie Verena.
Nach dem Essen rief Markus an, ob ich nicht Lust hätte, mit Carlos und ihm eine Inselrundfahrt zu machen. Gute Idee. So besuchten wir erneut Santo Antônio de Lisboa, und fuhren nach Jurêre im Norden der Insel weiter. Dort gab es eine Oldtimer-Ausstellung, niemals zuvor habe ich so viele gut erhaltene Karmann Ghias gesehen…

Ein VW-Brasilieira


Ein Karmann-Ghia, das Auto Osnabrücks...

Abends war ich mit Michelle in der Kirche, die aufgrund des Papsttodes gerammelt voll war. Nur mit Mühe konnten wir noch einen Sitzplatz ergattern. Nach der Messe haben wir uns von der Studentengemeinde anlässlich Leonors Geburtstag in einer italienischen Pizzeria im Zentrum getroffen, wo es ausnahmsweise mal kein Rodízio gab, was für den Laden spricht. Ich habe mir mit Michelle, Cássia und Karina eine Pizza geteilt. Cássia hat den ganzen Abend Lachkrämpfe gehabt, und als ich ihr erzählt habe: „Cássia, não esqueca de inhalar quando você está rindo“ (Cássia, beim Lachen das Luftholen nicht vergessen) war es dann ganz vorbei. Nebenbei fällt mir auf, dass Cássia bei der Organisation des Austausches hier auf brasilianischer Seite auf die Unterstützung durch Leute aus der Studentengemeinde zurückgreifen kann: Da wird mal hier ein Zimmer besorgt, und kennst du nicht dort noch einen, den man wegen eines Praktikumsplatzes fragen kann,…
Kritisch wird es noch, als 30 Brasilianer versuchen, die Rechnung zu teilen und jeder einzeln seinen 3-Euro-Anteil mit Kreditkarte zahlen will. Da brauchte der Kellner echt starke Nerven.

Sábado, Abril 02, 2005

Vamos no Centro

Als wir aufwachen, ist das Wetter ziemlich schlecht in Cansasvieiras, so dass wir uns entscheiden, nicht baden zu gehen. Da bleibt man also gerne noch etwas länger im Bett. Als ich als erster aufstehe, sehe ich aus unserem dritten Stock, wie ein Zeitungsjunge auf dem Moped eine zusammengerollte Zeitung bei jedem Haus vor den Eingang wirft, in voller Fahrt und in hohem Bogen. Die Zeitung landet jedes Mal fast direkt vor der Eingangstür, und von der Straße bis zu den Häusern hat sie den Vorgarten von ca. 5 Metern überflogen. Respekt.
Als das Wetter nicht besser wird, brechen wir die Zelte in Casasvieiras ab und fahren mit dem Bus ins Zentrum von Florianópolis, das ich bis auf den lokalen Busbahnhof TICEN und die Rodoviária (Fernbusbahnhof) bisher nur vom Hörensagen kenne. Gegenüber des TICEN gibt es eine Markthalle, in der man günstig Klamotten und sonstigen Kleinkram kaufen kann, und einen Fischgroßmarkt. In ausreichender Distanz vom Fischgestank lassen wir uns in einer Lanchonette nieder und essen zu Mittag, leckere Burger mit asiatischem Einschlag.


Wir entdecken den großen Buchladen Livraria Catarinense, und den großen Baum im Zentrum. Danach versuchen wir noch die alte Hängebrücke, die Ponte Hercílio Luz, zu besichtigen. Diese ist aber aufgrund von Restaurationsarbeiten für einige Jahre gesperrt. Die Brücke ist mit einer Länge von 819 Metern die längste Hängebrücke Brasiliens und verbindet seit 1922 das Festland und die Ilha de Santa Catarina miteinander. Sie hatte aber nur zwei Fahrspuren, und daher verbinden seit etwa 25 Jahren zwei hässliche Betonbrücken mit insgesamt 8 Fahrspuren Florianópolis mit dem Kontinent. Ab Montag werde ich täglich darüber fahren.


Aus der Nähe und bei Tag betrachtet ist die Brücke leider in einem erbärmlichen Zustand...

Nach einer Runde Descansar am Nachmittag habe ich dann zum ersten Mal gesehen, dass bei meinen Gasteltern der Fernseher lief: Papst Johannes Paul II. war verstorben. Luiz hatte kurz zuvor aus Italien angerufen, dass sich schon Menschenmassen am Grabtuch in Turin versammelt hätten.
Abends haben wir uns am Beira-Mar Shopping Center getroffen, um den letzten gemeinsamen Abend in Florianópolis zu verbringen, und zwar im El Divino Club. Es war noch nichts los, so sind wir nach einer Zwischenstation in einem Billardcafé in der Bar vor der Disko gelandet, die aber auch zum Club gehörte. Da haben wir uns irgendwie fest gequatscht und nicht registriert, dass die Schlange draußen länger wurde. Nach endlosem Anstehen waren wir dann drin, aber es war wieder eine Disko, wie ich sie nicht brauche: Viel Eintritt, nur Techno, VIP-Bereich für die Wichtigtuer, also kein Hit.
Am Ende war dann großer Abschied angesagt, morgen gehen diverse Busse in den Norden von Santa Catarina…

Sexta-feira, Abril 01, 2005

Calme!

Heute war unsere letzte Portugiesischstunde. Wir haben Central do Brasil zu Ende geschaut und mittags waren wir mit Cássia essen. Leider hat die Uni für Markus und Ingmar noch immer keine Praktikumsplätze, und selbst Cássia ist sich inzwischen nicht mehr so sicher wie vor einer Woche, dass es noch bis Montag was wird mit den beiden, wenn alle anderen ins Praktikum starten. Ihre Worte: Calme! (Beruhig Dich!)

Markus und Christian mit Cássia in der Estrela, ein Kilorestaurant

Beim Essen erzähle ich Cássia, dass man in Deutschland Leute in den April schickt, so als Brincadera (Witz, Spielchen). Und erzähle ihr von Lorenz’ genialer E-Mail:

Hi folks,
entgegen aller beteuerungen und erwartungen habe ich einen der 18 young forward placement-plätze bei der new yorker headquarter office von standard & poors bekommen. Manchmal hat man eben doch glück. zwar ist der weg zur arbeit mit 60 minuten im auto recht lang, aber wenn die versprochene c-klasse für mich nächsten mittwoch da ist, sollte das doch auch ganz gängig sein.
ich werd übrigens keine urlaubs/praktikumsbilder homepage einrichten, es wird schlicht an der zeit fehlen. "you'll be too busy for pussy" - diesen satz aus den fluren des 6th floor sollte ich mir zu herzen nehmen, heisst es.
also, vielleicht sehen wir uns, schließlich wollen viele firmen gerated werden. auch euer praktikumsgeber????
AAA rulz, bis ende september, jetzt muss ich mich erstmal einleben.


Euer Lorenz

@ Robin: ich erwarte Dich wie besprochen am jfk airport beim umstieg nach wisconsin. bring bitte die tasche mit, die dir simone übermorgen mitgeben wird.

Woraufhin Anne und Ingmar, die die Mail ebenfalls bekommen haben, erst jetzt merken, dass heute der 1. April ist. Hi Folks!
Nach dem Nachmittagskurs sind wir vier Jungs noch nach Cansasvieiras im Norden der Insel gefahren. Leider ist das Wetter etwas umgeschlagen und der Strand sehr schmal. Nach der Einquartierung in einer spontan gemieteten Ferienwohnung waren wir noch in einem erwähnenswerten Rodízio de Pizza. Nach den üblichen herzhaften Pizzen gibt es noch Süßigkeiten-Pizzen (Banane-Zimt, Erdbeer-Schokoladenstreusel, Schoko-Banane), und wieder einmal heillos überfressen mit der Feststellung, dass Deutsche und Brasilianer gleichermaßen am Buffet bzw. an der Eat-as-much-as-you-can-Politik scheitern. Gut, dass es das in Deutschland nicht so häufig gibt, sonst würde das deutsche Durchschnittsgewicht ähnliche Ausmaße annehmen wie das brasilianische. Wenn die Brasilianer auch die Amis nicht mögen, beim Essen stehen sie ihnen nichts nach.