Marcus in Brasilien

Quinta-feira, Março 31, 2005

jwd und Republica

Nach den heutigen Übungen zu Futurformen des Subjontivs haben wir uns abends um 10 in der Bar am Trindade-Platz getroffen. Die besten Leute lernt man ja bekanntlich kennen, wenn man ganz einfach Deutsch spricht, und so haben wir noch zwei Mädels kennen gelernt, von denen eine im brasilianischen Winter in Deutschland in einer Eisdiele eines bayerischen Kurortes arbeitet, um von dem Geld den brasilianischen Sommer am Strand zu verbringen. Auch ein Lebensmodell, denn so ein italienischer Pass habe echt Vorteile, schwärmt sie über ihren italienischen und deutschen Vorfahren, sie müsse sich als Blondine nur die Haare schwarz färben, darauf ständen die Deutschen halt in italienischen Eiscafés. Und das sie kein Italienisch, sondern nur Portugiesisch und gebrochen Deutsch spreche, falle auch niemandem der Kurgäste auf…
Später wollten wir uns mit Juliane in einer Disco namens Terraço Brasil in Cacupé treffen. Als wir dort mit dem Bus angekommen sind, weil es weit abgelegen lag, war das 1. ein Restaurant, und 2. wahrscheinlich noch mehr Schicki-Micki als andere, als wir bisher gesehen hatte. Wenngleich man von dort eine sehr schöne Aussicht auf Florianópolis hat, siehe deren Homepage. Als der Bus, der noch ein Dorf weiterfuhr, wieder umkehrt ist und erneut an der Haltestelle der Terraço Brasil ankam, saßen wir wieder drin und haben uns auf den Rückweg gemacht. Es war der letzte Bus, also war es zumindest kein schmerzhafter finanzieller Verlust, da wir für unseren 2-Minuten-Aufenthalt dort keinen Eintritt bezahlt haben und den letzten Bus noch erwischt haben. Juliane, die uns dort in die Pampa gescheucht hat, war übrigens nicht da. So sind wir dann wieder durch Trindade gezogen und in der Republica-Bar gelandet, eine Kneipe, die studentisch sein soll. Erst war viel Hippi-Hoppi, danach spielte eine Band, und Juliane kam auch noch vorbei. Sie hatte eine Freundin aus Deutschland, Ines, mit dabei und auch Milene, Tatiana und Paolo. Die drei kannten uns, aber wer sind die? Auflösung: Sie waren auch an unserem ersten Abend, dem Churrasco bei Veras Gasteltern dabei, und wir haben uns dort natürlich nicht an alle Leute erinnern können. Milene hat mal ein Semester in Mainz studiert und kannte daher Juliane. Tatiana ist Milenes Schwester, und Paolo ihr Freund.
Auf der Party liefen ein paar Leute rum, die Fotos machten und einem Zettel in die Hand drückten, wo man die Fotos in miserabler Qualität betrachten könne, um sie sich dann Abzüge über das Internet in besserer Qualität zu bestellen. Das gab es Deutschland auch vor ein paar Jahren (Pixelnet), als erst wenige Leute Digitalkameras hatten. Ein solches Foto findet Ihr hier:

Quarta-feira, Março 30, 2005

Besuch von Bosch



Beim Sprachkurs ist irgendwie die Luft raus: Heute morgen fällt er schon wieder aus, weil Ingmar und Markus ein Vorstellungsgespräch haben, vielleicht fangen sie in einer Gründerfirma an, Ingmar habe ich nämlich schick in Schale geworfen am TICEN getroffen. Ich hatte mich aber auch schick gemacht und auf dem Weg zu Olsen feststellen müssen, dass der Direktbus über die Küstenautobahn wirklich nur morgens und abends fährt, also habe ich diesmal wieder alle Stadtteile von Kontinental-Florianópolis, São José und Palhoça mitgenommen, bis ich am Jardim Eldorado eingetroffen bin. Die Mädels am Empfang kenne ich jetzt schon, die haben mich dann gleich in Hélvios Büro in der Engenharia hochgeschickt. Hélvio war gut gelaunt, hat sich Zeit für mich genommen, und wir sind mein Bewerbungsschreiben und den Lebenslauf durchgegangen. Außerdem haben wir ein Programm festgelegt, welche Aufgabengebiete ich bearbeiten soll:
1) Racionalização de processos de fabricação – Rationalisierung von Produktionsprozessen
2) Gerenciamento e desenvolvimento de produtos – Produktentwicklung und -managment
3) Controle estastístico de processo (CEP) – Statistische Qualitätskontrolle
4) Lista de componentes por produto – Stücklisten und Verwendungsnachweise
Irgendwann kam dann Cesar Olsen bei Hélvio ins Büro, hat mir ein „Seja Bem-Vindo na Olsen“ gewünscht und gesagt, gleich kämen die Leute von Bosch an. Als wir dann zum Essen runtergingen, waren sie eingetroffen, die Firmenband „Olsen-Boys“ hat gespielt, und wir haben in der Kantine gegessen, wo ich mich mit dem Einkaufleiter unterhalten habe. Eine wichtige Erkenntnis ist mir in Erinnerung geblieben: In Brasilien streuen die Löhne sehr viel weiter auseinander als in Europa. Eine Putzfrau, ein Busschaffner, ein Wachmann, ein Botenjunge auf dem Moped – alles das sind Dienstleistungen, die beinahe kostenlos zur Verfügung stehen. Er hat mir erzählt, dass er mit seiner Familie in Florianópolis wohnt, und sie eine Hausangestellte haben, der er knapp 400 Reais im Monat bezahlt. Dafür macht sie die komplette Wäsche, putzt, kauft ein, kocht und spielt Kindermädchen. In der Zeit verdiene seine Frau, die auch nur als normale Büroangestellte arbeitet, aber mehr als das Doppelte.
Nach dem Mittagessen ist dann eine Besprechung angesetzt, bei dem es um eine Designveränderung an den Motoren geht, die für eine neue Baureihe von Stühlen benötigt werden. Cesar Olsen ist zwar auch dabei, sitzt aber seitlich, schlürft seinen Chá (Tee) und telefoniert. Hélvio als Produktionsleiter sitzt am Kopfende und hat das Ruder in der Hand, verhandelt, trifft die Entscheidungen.
Nach einem ausgiebigen Produktionsrundgang, von den brasilianischen Bosch-Leuten für die deutschen Bosch-Leute in grauenhaftes Englisch übersetzt, diskutieren wir über das Berufsausbildungssystem in Deutschland und Brasilien. Fast alle Funcionários (Mitarbeiter) bei Olsen waren früher Fischer, bis vor 10 Jahren war Palhoça noch stark durch Fischfang geprägt. Interessant ist ein Schweißkarussel, in dem ein Mitarbeiter die Grundstrukturen für die Basis und die Sitzflächen und die Rückenlehnen punktschweißt. Er dreht sich mit seinem Schweißgerät karussellartig um die Vorrichtungen herum, eine weitere Person baut die Vorrichtungen auf und legt die Rohteile ein, eine dritte Person entnimmt die punktgeschweißten Schweißstrukturen und legt sie auf eine weitere Vorrichtung, wo sich ein zweites Karussell zum Fertigschweißen befindet. Inzwischen sind wir bei Cesar im Büro angekommen, und nachdem uns Cesar von seinem großen Vorbild, Robert Bosch, berichtet hat, es geht zum Small Talk über, wie es den Bosch-Leuten und mir so in Brasilien gefällt.
Hélvio fragt mich nach meinen ersten Eindrücken vom Unternehmen, und was man in Deutschland anders machen würde: In Deutschland gäbe es bei einem Zahnarztstuhlhersteller sicherlich keine Tischlerei, die die Paletten und Holzkisten, in die die fertigen Produkte verpackt werden, herstellt. Das würde man zukaufen. Interessant ist auch die Art und Weise, wie die Kunststoffteile hergestellt werden: Nicht etwa mit Spritzgussformen, nein, es wird eine Kunststoffplatte erhitzt, und nur eine Matrize fährt von unten in den flüssigen Kunststoff, der dann mit Ventilatoren abgekühlt wird. Eine Spritzgussform und die dazugehörige Spritzgussmaschine wären aber mindestens 20 mal so teuer, und die Leute, die das entgraten, die kosten doch nichts, meint Hélvio.
Auf dem Rückweg werde ich von den Bosch-Leuten mitgenommen, die noch auf den Morro da Cruz wollen, und komme fast pünktlich zum Nachmittagskurs an. Hausaufgaben habe ich natürlich nicht, wann hätte ich die machen sollen?

Terça-feira, Março 29, 2005

Vorstellungsgespräch = Entrevista

Heute haben wir trocar as aulas gemacht: Die WI-Jungs sind schon um 8 dran gewesen, da sie mit Forsti zu seinem Vorstellungsgespräch nach Blumenau wollten, und dorthin mit 200 Kilometern etwas weiter fahren mussten als ich, der ja nur mehr oder weniger in den Nachbarort muss. So konnte ich ein wenig ausschlafen und mich auf mein Vorstellungsgespräch vorbereiten. Dazu habe ich abwechselnd die portugiesische und die englische Version der Olsen-Homepage durchgearbeitet. Um 12 war dann Feierabend mit Portugiesischlernen, und ich bin mit dem Bus nach Palhoça gefahren. Leider hatte ich keine genaue Adresse, da das Unternehmen nur die Postfachadresse auf seiner Homepage angegeben hatte. In Palhoça angekommen, musste ich mich also durchfragen, und Palhoça hat 60.000 Einwohner. Irgendwann stellte sich heraus, dass Olsen wohl einige Kilometer entfernt im Industriegebiet liegt. Meine Rettung fand ich in einem Schreibwarenladen: Der Sohn der Ladenbesitzerin musste Papier in ein Unternehmen ins Industriegebiet ausliefern, und konnte mich mit dem Auto, einem uralten VW Brasileira, mitnehmen.
Bei Olsen habe ich dann am Empfang also auch als erstes nach einer Busverbindung nach Florianópolis gefragt, denn bisher war ich etwa zwei Stunden unterwegs gewesen. „Ja, gibt’s, Du darfst nur nicht den Fehler machen, in den Bus nach Palhoça zu steigen. Der Bus Richtung Jardim Eldorado hält hier um die Ecke, morgens und abends gibt es Direktverbindungen über die BR-101“. Die BR-101 ist die Küstenautobahn.
Nach einigem Warten kam dann auch Hélvio, mein Gesprächspartner, am Empfang an und führte mich durch den Showroom (dieses Wort existiert auch im Brasilianischen) der aktuellen Olsen-Produkte. Es gibt verschieden ausgestattete Zahnarztstühle, vom einfachen Modell bis zum Topmodell mit Rückenmassage für den Patienten. Weiterhin produziert das Unternehmen Stühle für Gynäkologen, für Halsnasenohrenärzte (in Brasilien ebenfalls ein Zungenbrecher: Otorrinolaringologista) und für Blutspender. Ebenfalls im Programm: ein mobiler, komplett mechanisch bedienter Zahnarztstuhl, den Olsen hauptsächlich an brasilianische Militär ausliefert. Danach ging es in die Abteilung Engenharia, in der ich arbeiten werde. Hélvio hat mir schon mal meine Mitpraktikanten vorgestellt: Simone studiert ebenfalls Engenharia de Produção, aber mit Vertiefung Bauingenieurwesen. An einem der vier SolidWorks-Arbeitsplätze sitzt Claudio, Engenharia Mecânica. Und dann gibt es noch Rodrigo, der Werkstoffwissenschaften (Engenharia de Materiais) studiert. Alle studieren wie auch ich an der UFSC.
Danach hat Hélvio leider eine Besprechung, aber stellt mich Giselli vor, die im Unternehmen für die Qualität verantwortlich ist. Sie macht mit mir einen kleinen Rundgang durch die Produktion, ich verstehe aber nicht wirklich viel. Wahrscheinlich sagt sie so etwas wie „Hier befindet sich die Lackierkabine“, wenn sie auf die Stelle deutet, wo unlackierte Teile reingehen und lackierte wieder herauskommen. Danach übe ich mit Giselli und Silvia, die für Arbeitssicherheit zuständig ist, noch erste Vokabeln der Komponenten von Zahnarztstühlen. Irgendwann kommt noch einmal Hélvio vorbei, sagt, dass er heute leider keine Zeit mehr für mich habe, er müsste noch einige Sachen vorbereiten, denn morgen käme wichtiger Besuch aus Deutschland, vom Motorenlieferanten Bosch. Und ob ich nicht Lust hätte, morgen wiederzukommen und beim Bosch-Besuch dabei zu sein? Dann sollte ich doch einfach am Vormittag gegen 11 Uhr wiederkommen.
Als ich dann im Bus saß, der auf dem Rückweg über unasphaltierte Straßen und durch Gebiete, die fast Slums sind, fährt, war ich dann doch ein bisschen niedergeschlagen: Weit ab vom Schuss, nichts verstanden, keiner hat Zeit für mich. Kann ja lustig werden.

Segunda-feira, Março 28, 2005

Ausschlafen

Morgens um Acht sind wir in Florianópolis angekommen. Den morgendlichen Portugiesischkurs hatten wir verschoben, so dass jetzt erst einmal Ausschlafen angesagt war. Weitere Heldentaten erfolgten an diesem Tag nicht.

Domingo, Março 27, 2005

Ostern in Paraguay

Der heutige Tag ist schon mal gar nicht in die Gänge gekommen. Da habe ich mir beim Hängematting zunächst einmal von Laura eine Geschichtsstunde zum Thema Foz angehört:
Den westlichen Teil des heutigen Bundesstaates Paraná haben die Brasilianer während des Paraguaykrieges (1864 – 1870) erobert, und zur Grenzsicherung wurde beschlossen, nahe des neuen Dreiländerecks eine Militärkaserne zu errichten, welche bis heute mitten in Foz de Iguaçu steht. 1914 wurde die Stadt gegründet, ist aber erst seit Mitte der 1970er Jahre stark gewachsen, als das Kraftwerk gebaut wurde. Dementsprechend hässlich ist die Stadt, die heute hauptsächlich vom Tourismus lebt.
Zuerst waren wir in einem Supermarkt. Die riesengroßen Schokoladenostereier, die in den letzten Wochen überall in den Supermärkten hingen, gibt es jetzt zu Spottpreisen.


Markus einige Tage zuvor im Beira-Mar Supermarkt: Die tieffliegenden Ostereier hängen an extra aufgebauten Gestellen, es wird regelrecht dunkel in den Gängen. Fotographieren ist streng verboten. Dumm nur, dass genau beim Abdrücken ein Wachmann links im Hintergrund vorbeilief und zwei Sekunden irgendwas mit "Amigo, não tire fotos" babbelte.

Ansonsten steht für den heutigen Tag Paraguay auf dem Programm. Wenn man schon mal am Dreiländereck ist, und Foz näher an Paraguay liegt als an Argentinien, dann sollte man ja auch mal Paraguay sehen. Bei den Brasilianern hat Paraguay in etwa das Image, welches die Deutschen von den Polen haben. Dennoch geht man gern in Paraguay einkaufen, gibt es doch Fernseher und andere technische Geräte hier um einiges günstiger.
Leider nicht am Ostersonntag. Denn alle Geschäfte in der Cuidade del Este (der paraguayische Teil von Foz) haben geschlossen. Im Stadtbus haben wir jedoch eine andere Studentenreisegruppe (eine Deutsche und ihr französischer Freund (der schon mal in Ilmenau war, Wahnsinn) sowie eine Finnin) kennen gelernt, die auch mal so eben schnell rüber wollten. Da es jedoch in Paraguay dreckig war und gestunken hat, sind wir ziemlich schnell zurück, haben bei Laura unsere Sachen eingepackt und ab zur Rodoviária Richtung Floripa.
Der Reisebus kam, wir waren jedoch die einzigen, die mitfuhren: Jeder Brasilianer dürfte gewusst haben, dass es ein unbequemerer Bus war, der an „jeder Cola-Dose“ anhält (Zitat von Cássia).

Sábado, Março 26, 2005

Foz de Iguaçu

Nach dem anstrengenden gestrigen Tag kam der heutige Tag erst so langsam in die Pötte. Bis alle geduscht hatten, war dann erst einmal noch descansar na rede, zu Deutsch Hängematting angesagt. (Im Portugiesischen gibt es das Wort Abseiling).
Heute sind wir (nur wir 6 und einer der Handwerker, die anderen hatten Totalausfall des Verdauungssystems gemeldet) mit dem öffentlichen Bus in den brasilianischen Teil des Nationalparks gefahren, diesmal hatte ich natürlichen meine Aufenthaltsgenehmigung dabei und bin natürlich für 2/3 des Preises rein. Im Park ging es dann mit einem offenen Bus weiter bis zu den Fällen. Von der brasilianischen Seite hat man einen besseren Ausblick und ein besseres Panorama über die gesamten Fälle, ist aber dementsprechend weiter weg, während man in Argentinien hautnah dran ist. Ergo: Wer nach Foz reist, sollte allein für die Wasserfälle zwei Tage einplanen, es lohnt sich. Auf der argentinischen Seite ist auf jeden Fall mehr los, die Gaúchos dort haben das alles etwas professioneller aufgezogen.
Gegenüber dem Ausgang des Nationalparks befindet sich Südamerikas größter Parque de Aves, Vogelpark. Da man als Brasilianer wieder besonders günstig reinkommt, haben wir abermals unsere Aufenthaltgenehmigung vorgezeigt und schon waren wir für die Hälfte drin. Der Park ist wirklich schön, neben exotischen Vögeln, die in großen Volieren gehalten werden und die man betreten kann, haben sie auch einige Alligatoren, Schlangen und andere Reptilien.
Nach der Rückkehr nach Foz war ich dann zunächst einmal im Internetschi-Café und habe Ostergrüße versandt:

Hallo Ihr Lieben,

Ich wuensche Euch Frohe Ostern!
Wir machen gerade etwas Urlaub in Foz de Iguaçu am Dreilaendereck Brasilien - Argentinien - Paraguay. Die Wasserfaelle haben wir schon von allen Seiten besichtigt (Don't cry for me, Argentinia) und auch das groesste Wasserkraftwerk der Welt. Morgen wollen wir noch ins aermere Paraguay und abends gehts dann wieder mit dem Bus zurueck - so 14 Std. Fahrt ein Weg.

Ich habe ganz viele Fotos gemacht: Karte voll, Batterie leer. Da werde ich in den naechsten Tagen mal Galerien nachschieben.

Bis dahin alles Liebe,
MMG

Foz de Iguaçu, Internetcafé


Ein Internet-Café heißt übrigens Cybercafé und Internet surfen heißt hier navigar na Internet. So liegt es nahe, den Websurfer als Internautschi zu bezeichnen.
Bis zum Abend waren auch die anderen beiden Walzgesellen wieder auf den Beinen, so dass wir – dieses Mal in ein anderes Rodízio-Restaurant gegangen sind: Rodízio de Pizza für 7 Reais. Es war ganz ok, aber kein Hit.

Sexta-feira, Março 25, 2005

Don't cry for me, Argentina

Nach unserem Frühstück (zu Tom, dem Münchner und den Franzosen sind inzwischen Mexikaner und Ukrainer gestoßen) standen für uns heute die Cataratas, die Wasserfälle auf dem Programm. Laura hat uns empfohlen, mit Diego, einem Studenten zu fahren, der mit seinem Kleinbus nebenbei ein kleines „Reisebüro“ betreibt und auf die argentinische Seite rüberfährt. Das sei zwar ein paar Reais teurer als mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen, dafür könne Diego alle Formalitäten an der Grenze regeln, und wir müssten nicht in der Schlange zum Nationalpark anstehen. Also alle Mann rein in den Kleinbus, in dem, Oh Wunder, schon Vincent saß, den wir ja noch von der Fahrt nach Foz kannten. Außerdem ein Franzose namens Julien, der in Rio studiert und als patriotischer Franzose selbstverständlich kein Wort Englisch spricht, sowie drei deutsche Handwerkergesellen, die auf der Walz sind, und schon seit zwei Jahren fern von ihren Heimatdörfern unterwegs sind.
Auf nach Argentinien! An der Grenze klappt alles problemlos, nur für die Ukrainerin heißt es: No Visa, no Argentinia.
Seit 1984 sind Foz de Iguaçu und die argentinische Nachbarstadt Puerto Iguazú über eine Brücke miteinander verbunden, die den Rio Iguaçu überquert. In Argentinien angekommen, beherrschen auf den ersten Kilometern Spielcasinos das Stadtbild: Glücksspiel ist in Brasilien nämlich verboten.
Unsere erste Station ist der argentinische Grenzstein des Dreiländerecks Brasilien – Paraguay – Argentinien: Der eigentliche Grenzpunkt liegt im Wasser, wo der Rio Iguaçu in den Rio Paraná mündet. Daher hat jedes dieser drei Länder, die in der Zollunion „Mercosul“ zusammengeschlossen sind, auf seiner Seite als Symbol der Freundschaft eine symbolische „Marca de três Frontieras“ errichtet:

Einige Kilometer weiter erreichen wir die Grenze des Nationalparks. Hier muss ich mich leider über mich selbst ärgern, dass ich neben meinem deutschen Reisepass nicht noch meine brasilianische Aufenthaltsgenehmigung mitgenommen habe: Als Ausländer zahle ich 30 Reais Eintritt, als Bürger der Mercosul-Region 18 Reais. Und meine Aufenthaltgenehmigung hätte dazu gereicht, zu beweisen, dass ich meinen Wohnsitz in Brasilien habe. Währenddessen schleust uns Diego kompetent an langen Warteschlangen von Menschenmassen vorbei, ganz Argentinien scheint auf den Beinen, um am Osterwochenende die Cataratas del Iguazú zu betrachten. Mit Diego vereinbaren wir einen Treffpunkt und Zeit für die Rückfahrt auf Englisch, was jeder versteht, nur halt Julien nicht. Ich bin zwar auch kein Freund von überpräsentem Englisch und insbesondere nicht von Anglizismen, aber wenn man nun mal mit einer international aufgestellten Reisegruppe unterwegs ist, ist Englisch halt der kleinste gemeinsame Nenner, um sich auf dem niedrigstmöglichen Niveau verständigen zu können. Eigenartig, dass Ukrainer besser Englisch sprechen als Franzosen. Somit habe ich Julien alles noch mal auf Portugiesisch erklärt (das spricht er), und er hatte tatsächlich nicht einmal mitbekommen, dass wir über einen Treffpunkt diskutiert hatten.
Mit den Handwerkerjungs (Christian = Tischler, Jo-Achim = Dachdecker und Carsten = Zimmermann) machen wir uns auf Stegen und durch Rote Erde auf den Weg zu den Fällen, so 10 km Fußweg werden wir wohl insgesamt zurückgelegt haben heute.



Für zusätzliche 30 Reais ist eine Fahrt in einem offenen Schnellboot möglich, das direkt in die Fälle hineinfährt – bei den argentinischen Besuchern, die nass bis auf die Knochen aussteigen, ist das der Hit. Wir fahren auch mit dem Boot, einem kostenlosen, auf eine Insel im Fluss. Sie wird in der Regenzeit von tobenden Wassermassen umringt, heute ist hier eher wenig los. Dafür gibt es einen steinigen, dreckigen, hässlichen, furchtbar kleinen Strand. Bei Kontinentalargentiniern auch ziemlich beliebt, aber mal ehrlich: Mit Florianópolis kein Vergleich.
Auf der Rückfahrt sind wir mit Diego noch auf einem kleinen argentinischen Markt vorbeigefahren, haben argentinisches Bier, Süßigkeiten, Oliven, Wurst und Käse gekostet und sind dann zurück nach Foz. Für Puerto Iguazú ist das ein Problem: alle großen Hotels sind in Foz auf brasilianischer Seite, kaum einer übernachtet in Argentinien. Eigentlich sehr schade, vor allem wahrscheinlich für die Glücksspielbetreiber…
Zurück in Foz sind wir dann alle gemeinsam (Tom, Julien, Vincent, die Handwerker und wir sechs) wieder in der Churrascaria von gestern gelandet. Alle Handwerker? Nein, Christian hatte schon vorher aufgegeben und lag wohl mit Durchfall im Hotelbett.
Dafür habe ich mir von Jo-Achim sein Walzbuch mit Einträgen, Arbeitszeugnissen, Stempeln etc. zeigen lagen. Das ist schon eine ziemlich interessante Erfahrung, die die Jungs machen: Sie haben sich verpflichtet, drei Jahre mindestens 50km von ihrem Heimatort entfernt zu bleiben (sie stammen alle aus der Region Bremen / Hamburg) und haben in Mecklenburg das Reetdachdecken, im Vogtland das Schieferbekleiden von Hauswänden gelernt, und sind jetzt schon mehr als ein halbes Jahr in Brasilien, wo sie ein Schulgebäude errichtet haben – aus Tropenholz mit mittelalterlichen Werkzeugen („eine Bohrmaschine gab’s, alles andere war Handarbeit“).
Als die Churrascaria nach sehr leckerem Essen um Mitternacht schloss, mussten wir ja noch etwas weiter ziehen. Foz hat, was Nachtleben angeht, relativ wenig zu bieten, einzig einen Tanzschuppen gab es, der voll mit Argentiniern war. Die Band spielte Forstis Lieblingslied aus seiner Zeit bei einer Blaskapelle: „Rosamunde“, ein deutscher Schützenfestschlager. Hätte nicht viel gefehlt, dann wäre Forsti auf die Bühne gesprungen, hätte sich ne Trompete geschnappt und wäre zum Forsti de Iguaçu mutiert...:-)

Quinta-feira, Março 24, 2005

Itaipu Kraftwerk

Es war sicherlich deutlich später als 5 Uhr, als unser Reisebus in der Rodoviária von Foz de Iguaçu einfuhr. Und wirklich ausgeschlafen bin ich auch nicht, dennoch gilt es, Hotelaufschwatzern, Taxifahrern und sonstigen Touristenfallen auszuweichen, die alle exklusiv ihre Dienste für Dich anbieten wollen. Wir bevorzugen den Stadtbus und unsere bereits reservierte Pousada de Laura. Wir stellen erst einmal unsere Sachen ab, und wer kommt da? Tom, der Australier aus dem Bus, ist auch bei Laura einquartiert. Kein Wunder, denn Laura ist die erste Adresse im Lonely Planet Brazil. Zunächst haben wir mit den anderen Gästen ein Frühstück mit tropischen Früchten genossen. Und in so einer Pousada trifft man ja auch allerhand Leute, z.B. einen alternden und bekifften Münchner Informatiker (Wir: „Boa dia“ – „Jo, grüßt Euch“) und ein paar Französinnen. Leider musste ich feststellen, dass meine Portugiesischkenntnisse meine Französischkenntnisse ersetzen: Ich verstehe alles auf Französisch, kriege aber kein Satz mehr raus, der nicht mindestens zwei portugiesische Vokabeln anstatt ihrer französischen Pendants enthält.
Mittags sind wir dann mit dem Bus raus nach Itaipu, wo das größte Wasserkraftwerk der Welt steht. Es staut den Rio Paraná, die Grenze zwischen Brasilien und Paraguay, auf und deckt etwa ein Viertel des brasilianischen und nahezu 100% des Energiebedarfs von Paraguay. Durch einen Vertrag aus den sechziger Jahren wurde der Bau des Kraftwerks, die Gründung einer binationalen Betreibergesellschaft und der Aufteilung der Energieressourcen 50 zu 50 beschlossen. Benötigt ein Land weniger Energie als es erzeugt, kann die Energie günstig an das andere Land verkauft werden. Beide Länder haben sich gleichzeitig auf die Fahnen geschrieben, auf regenerative Energiequellen zu setzen und nicht in Kernenergie zu investieren.
Das alles wurde uns in einem Filmvortrag beigebracht, danach gings mit Bussen raus in Kraftwerk. Begriffe wie groß, riesig, gigantisch versagen an dieser Stelle. Noch größer!



Im dem Fotoalbum sieht man zu Füßen des Staudamms ein Kraftwerksgebäude, welches etwa so groß ist wie das leerstehende Hochhaus am Vogelherd in Ilmenau. Das wirkt hier wie Spielzeug.
Leider war keine Regenzeit, und das Kraftwerk wurde mit Wasser aus dem Staudamm gespeist. In der Regenzeit gibt es drei Überlaufrinnen, damit der Staudamm nicht überläuft (Spillways). Über diese Spillways können dann 63.000.000 Liter Wasser pro Sekunde abfließen.
Nach diversen Fotohalten an Aussichtspunkten und einer Fahrt über den Staudamm (der dem Abschlussdeich gleicht, da auch noch viel Vorland eingedeicht ist) sind wir dann mit dem Bus in den Kraftwerkszoo gefahren worden. Dort sind seltene Tierarten, die im Bereich des heutigen Stausees siedelten, weiter gezüchtet und gehalten.
Mit einer Deutschen, die wir dort in der Besuchergruppe getroffen haben, sind wir dann abends noch in einer Churrascoria gelandet, wo es Leckeres vom Grill mit Rodízio (der Kellner kommt mit dem Spieß an den Tisch, und man isst bis man satt ist, danach bringt er gegrillte Ananasscheiben) und Buffet für 10 Reais gab.


Satt essen mit Getränken für 16 Reais: Churrasco in Foz

Quarta-feira, Março 23, 2005

Feiertag in Floripa

Leer war es auf den Straßen, als ich heute mit dem Fahrrad zur Uni fuhr. Wo ist der übliche Stau in der Rua Lauro Linhes, der Verkehrader Trindades? Wo sind die vielen Busse und Mopeds, die sich durch die Automassen drängeln?
Habe ich mich in der Uhrzeit geirrt?
Nichts von alledem. In Floripa ist heute irgendein lokaler Feiertag, nur wir sechs deutschen Deppen scheinen die einzigen zu sein, die heute lernen.
Viel passiert dann aber doch nicht, geht es doch heute mit Sack und Pack für 4½ Tage Kurzurlaub nach Foz de Iguaçu. Pünktlich als wir den Bus betreten fängt es natürlich in Strömen an zu regnen, das kann ja ein schöner Urlaub werden.
Dafür verfügt der Reisebus über sehr bequeme, große Sitze, deren Rückenlehnen sich beinahe waagerecht stellen lassen. Optimal, um die Nacht darin zu verbringen, schließlich ist Foz de Iguaçu etwa 1000 km entfernt und die Ankunftszeit mit 5 Uhr morgens angegeben.
Das erste Mal verlassen wir nun Floripa. Und bereits in den Vororten wird uns deutlich, dass insbesondere die gesamte Insel, auf der wir sonst leben, ein einziges Reichenviertel zu sein scheint. Vielleicht so als wenn man auf Sylt oder am Starnberger See wohnt, und nun in die Heide bzw. aufs Land rausfährt. Auch die gut gepolsterten Sitze wurden quasi notwendig, da die autobahnähnliche Küstenstraße nach Floripa die Busfederung doch ziemlich beansprucht.



Im Bus haben wir dann noch so allerlei Leute getroffen, z.B. Vincent aus Kanada und Tom aus Australien. Doch dazu später mehr.

Terça-feira, Março 22, 2005

Praktika und Churrasco

Heute war das entscheidende Gepräch über unsere Praktika. Eigentlich war Prof. Leila angekündigt, das wurde aber nichts, so dass wir doch wieder bei Cássia gelandet sind, bei der wir ja schon jeden Tag Stammgäste im Büro sind. Daher waren die folgenden Informationen auch nicht so wirklich neu für uns, jedoch wurden sie jetzt plötzlich offiziell:
Anne wird nach Joinville zu Termotécnica gehen. In Jaraguá do Sul landet Steve bei WEG, dem brasilianischen Siemens. Christian wird es in die deutsche Kolonie verschlagen: Er fängt im April bei Tecnológica in Blumenau an. Und ich? Werde ab dem 4. April bei dem Zahnarztstuhlhersteller Olsen in Palhoça beginnen, einem Vorort von Florianópolis. Leider gibt es bisher keine Praktikumsplätze für Markus und Ingmar.

Als ich nach Hause kam, war ich allein, aber eigenartigerweise war die Alarmanlage nicht eingeschaltet, und auf dem Küchentisch lag ein Großeinkauf. Was war passiert, was wird mich erwarten? Fünf Minuten später klingelt eine Freundin von Michelle, Patricia, an der Tür: Sie hatte heute defensão, Verteidigung ihrer Doktorarbeit. Deswegen hat sie hat ein paar Freunde mitgebracht, und sie fangen jetzt mit dem Churrasco für 30...40 Mann an. Und die trudeln dann auch innerhalb der nächsten Stunde ein, Michelle und ich bereiten Brötchen mit einer Knoblauchpaste vor, ich lerne wie man einen Churrascospieß in die Rückwand des Ofens legt usw.
Da Patricia und ihre Eltern (die auch da sind) aus Minas Gerais stammen, haben sie auch typische Getränke aus Minas Gerais dabei: Dort trinkt man eine Art Mate-Limonade, die ... heißt


Patricia mit ihren Freunden. Links Luiz und ich.

Segunda-feira, Março 21, 2005

Reisebüro

Nachdem wir uns in der letzten Woche bereits über Busfahrzeiten nach Foz de Iguaçu informiert hatten, wollten wir heute in der Mittagspause die Reise buchen. Offenbar nutzen viele Studenten die Ostertage dazu, zu ihren Eltern nach Hause zu fahren oder um etwas Urlaub zu machen. Hätten wir uns ja auch denken können. Das Reisebüro auf dem Campus, sonst mit mindestens drei Mitarbeitern pro Kunde selten an der Grenze seiner Auslastung angelangt, glich heute einem Studentenaufstand: Warum kommen die alle ausgerechnet am Montag auf die Idee, am kommenden Wochenende zu verreisen? Es waren sogar zeitweise mehr Kunden als Mitarbeiter im Reisebüro, was zwangsläufig zu einer Riesenschlange führte. Diese „bekämpft“ man ja bekanntermaßen in Brasilien mit den omnipräsenten Nummerziehautomaten, die sich in Banken, auf der Post, im Fotogeschäft, ja sogar im Copyshop befinden.
Nach einer halben Stunde sind auch wir an der Reihe und müssen feststellen, dass eine Busauskunft hier in zahlreichen Prozessschritten abgearbeitet wird. Zunächst ruft das Mädel im Reisebüro bei der Reisegesellschaft an, wann Busse fahren, wieviel sie kosten, und ob noch Plätze frei sind. Nebenbei gesagt: Es gibt mehrere Reisegesellschaften, die abzutelefonieren sind. Irgendwann ist ein Bus gefunden, der noch sechs freie Plätze hat. Wir dürfen uns auf einer Zeichnung des Busses aussuchen, wo wir sitzen möchten. Es wird wieder in der betreffenden Reisegesellschaft angerufen, und die 6 Plätze werden reserviert und die Ticketnummern, die sie ausfüllen wird, werden durchgegeben. Nun beginnt die eigentliche Arbeit: Da das Mädel keinen PC hat (sonst hätte sie ja nicht 5 Leute anrufen müssen, die vor einem solchen Gerät sitzen und Hotline spielen), werden die Tickets von Hand ausgefüllt, Durchschäge erstellt, Reiseregistrationsdokumente für irgendwelche Polizeibehörden erstellt, etc.
Ganze 1,5 Stunden hat die gute Frau gebraucht, 6 identische Tickets, nur durch die Sitzplatznummer zu unterscheiden, zu buchen. Was Wunder, wenn man alles von Hand macht, treten ja auch keinerlei Skaleneffekte auf.
Hätte sie einen Computer, bräuchte sie nicht telefonieren und könnte sechs Tickets innerhalb von Minuten ausdrucken.

Domingo, Março 20, 2005

Praia Mole

Am Sonntag habe ich erst einmal etwas ausgeschlafen, aber das Wetter ist bombig, also ab an den Strand. Nach dem Treffen am TILAG (Busbahnhof in Lagoa de Conceição, von dem man alle Strände erreichen kann) haben wir vier uns dann für die Praia Mole entschieden, auch weil so viele Busse dorthin fuhren. Dort haben wir Gringos (Weiße, auch Argentinier werden so genannt) uns erst einmal einen Sonnenschirm gemietet, und uns einige tropische Getränke vom Strandkiosk geleistet, zum Beispiel água de coco: Eine Nuss wird aufgebohrt, Strohhalm rein, fertig, 2 Reais. Das ist nicht teuer als eine Dose Guaraná im Restaurant bzw. eine Flasche Guaraná im Supermarkt. Außerdem haben sich die drei anderen Jungs für zwei Stunden ein Surfbrett gemietet, ich war auch mal kurz drauf aber hab’s nicht mal liegend geschafft, drauf zu bleiben. So viel besser waren die anderen zwar auch nicht, immerhin habe ich für mich beschlossen, dass ich das nicht brauche und die Gefahr, dass ich mich oder andere Leute dabei verletze größer ist als meine Erfolgsaussichten. Außerdem haben wir noch ein Mädel getroffen, die wir ein paar Tage zuvor schon mal in einem Restaurant getroffen hatten und die fließend Deutsch spricht. Ihre erste Frage: Seid ihr mit dem Auto da? Sie war auf dem Hinweg getrampt (pegar carona), was in Brasilien ziemlich üblich ist. Sie sagte, sie sei „mit meinem, äh mit einem Freund“ da. Vieles spricht dafür, das es wohl ein Geliebter von ihr war: Freunde im Sinne von Bekannte heißen amigo/amiga im Portugiesischen. Der Freund/die Freundin (im deutschen stets im Singular zu benutzen) heißt in Brasilien namorado/namorada, wörtlich übersetzt Geliebter/Geliebte, und hat offenbar wenig mit Einzahligkeit und Treue zu tun...


links im Bild zwei Gringos...

Als es schon fast dunkel wurde, haben wir noch einen kleinen Strandspaziergang unternommen, wobei der Christian besser nicht auf den letzten Felsen geklettert wäre, denn da ist er kaum wieder runtergekommen.
Auf dem Rückweg sind wir dann mit großem Appetit im Beiramar-Shopping gelandet, und zwar genauer gesagt im Supermercado Imperatriz, wo man sich für wenig Geld eine Pizza selbst zusammenstellen lassen kann (eine gute Methode, um die Namen von Zutaten zu lernen und die Leute hinter der Theke mal richtig zum Lachen zu bringen!). Während man seine Einkäufe im Supermarkt erledigen kann, wird die Pizza vor Ort gebacken, und am Ende nach Gewicht bezahlt. Ich bin noch nie von 8,50 Reais so satt geworden!

Sábado, Março 19, 2005

Paella d'Angelinho

Carlos hatte uns ja schon seit Tagen heiß gemacht: Das wird die Party des Jahres. Stolze 60 Reais Eintritt, das sind 18 Euro und für einen brasilianischen Studenten eine Unmenge Geld, selbst wenn die Getränke frei sind. Schon einige Tage zuvor hatten wir unser Ticket in Form eines T-Shirts gekauft, was es anzuziehen galt: Paella d'Angelinho 2005 steht darauf, am 19. März, von 11 bis 20 Uhr. Wohlgemerkt: Von 11 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, eigenartige Zeiten sind das hier, wenn man eine Party feiern will, vielleicht nehmen die Leute diese Party nur zum Vorglühen?
Nun, wenn man die Getränke incluido hat, sollte man doch möglichst früh auf der Party erscheinen, haben wir vier uns gedacht und uns um 10 Uhr samt Party-Shirt am TICEN, dem zentralen Busbahnhof getroffen, um mit der Linie 320 nach Lagoa de Conceição rauszufahren. Im Bus haben wir dann ein Mädel getroffen, die auf der Party arbeitete, und uns Gott sei Dank bei der Frage nach dem Weg weiterhelfen konnte: Wir mussten noch einen anderen Bus nehmen, und die Party fand nicht in Lagoa, sondern im Nachbarort Barra da Lagoa statt. Hier waren auch die Ortskenntnisse des Mädels zu Ende, wir mussten uns durchfragen und erfuhren, dass wir von einem kleinen Steg mit dem Schiff auf die Party gefahren wurden – sehr genial. Wir schienen die ersten Gäste zu sein, und überhaupt hatten die Organisatoren gerade erst mit dem Aufbau angefangen. Während die Jungs hier noch auf ihr erstes Bier warteten, kann ich schon mal erklären wie man dieses Kaltgetränk in Brasilien genießt: vor allem kalt, nämlich bei etwa -3°C. Der Alkoholgehalt wird auf den Flaschen mit 5% angegeben, Kenner bezweifeln dies: „Das knallt gar nicht“. Ist das Bier wärmer als ca. +3°C, wird es ungenießbar. Bekannte Biermarken sind Skol, Brahma, Bohemia und Nova Shin.
Inzwischen ist die Theke hochgefahren und 3 Bier und 1 Guaraná (mein Leib- und Magengetränk, eine leicht nach Kräutern schmeckende Limonade und Brasiliens Nationalstolz) treffen auf ihre Genießer. Auch die ersten Gäste nach uns treffen etwa um 1 Uhr ein, unter ihnen Carlos und einige seiner Kommilitonen der UFSC. Die reichen aber nicht aus, um das doch recht große Anwesen zu füllen: Kurze Zeit später haben die Bootskapitäne mehr zu tun, denn die Gäste treffen in Scharen ein, schätzungsweise 2000 an der Zahl. Vor allem die weiblichen Besucher waren sehr kreativ mit ihren camisetas (T-Shirts): Die meisten hatten sie irgendwie bemalt, beschnitten, etwas anderes daran genäht, gerippt, etc.


Carlos scheint sich auf der Party ganz wohl zu fühlen...

Aber irgendwie war es doch eine ziemliche Schickeria, die auf dieser Party war, ein normaler Student wird sich das kaum hat leisten können. Nebenbei spielten auch noch ein paar Bands, und es gab auch etwas zu Essen (leider alles mit Fisch, deswegen habe ich das alles gar nicht so mitbekommen). Als die Party dann mehr oder weniger zu Ende war und alles nach Hause strömte, brauchten wir den Beweis, das wir auf einer Schicki-Micki-Party gelandet waren, nicht lange zu suchen: Die Wiese vor dem Anleger war zugeparkt mit den Jeeps kleiner Kinder reicher Eltern, und wir waren die einzigen, die mit dem Bus nach Hause fuhren. Nach Hause? Noch nicht ganz, es war ja noch früh am Abend, also wollten wir noch etwas essen gehen. Auf Empfehlung von der-Flo sind wir bei den melhores pasteis da Ilha (die besten Teigtaschen der Insel) gelandet, die wirklich gut waren, aber irgendwie ein bisschen klein.
Flo: Hier ist das Beweisfoto für Dich:


Flo, hier ist das Wir-waren-da-Beweisfoto für Dich

Sexta-feira, Março 18, 2005

Festa de Integração

Heute waren wir vier (Steve, Christian, Markus und ich) auf der Semesteranfangsparty (festa de integração) in der Mecenes-Bar. Das ist so eine Mischung aus Bar, Disco und Club. Mit Chinelos (in Deutschland als Flipflops bekannt) kommt man leider nicht rein, also musste der Marcus wohl noch mal nach Hause radeln und sich ordentliche Schuhe anziehen. Eintritt 10 Reais, das geht ja noch. Innendrin gibt es einen lauschigen Innenhof mit Swimming-Pool, den aber niemand benutzt hat. Die Disco unterteilte sich in den normalen und in den VIP-Bereich: eine Empore, die man nur mit besonderer Einladung / Eintrittskarte betreten durfte. Sowas ist ja nicht mein Fall. In der Disco spielte noch eine lokale Band, wir haben leider nicht viel von dem verstanden, was sie gespielt haben. Dafür haben wir Juliane, eine Mainzer Medizinstudentin wiedergetroffen, die wir bereits am ersten Churrascoabend bei Vera kennen lernen durften. Sie war zusammen mit ihrer Mitbewohnerin, der Holländerin Anne, ebenfalls auf der Party. Auf dem Rückweg habe ich gelernt, dass man seine Finger von den Holländern lassen sollte, denn sie streicheln Straßenköter.

Für das Osterwochenende planen wir einen Ausflug nach Foz de Iguaçu.

Alltag: Portugiesisch und Restaurantes por quilo

Nun sind schon zwei Wochen Brasilien um. Nach dem ganzen Bürokratiehaufen, z.B. mit der Policia Federal und der Immatrikulation an der Uni kehrt so langsam der Alltag ein, von dem ich bisher ja eigentlich sehr wenig berichtet habe. Und genau deswegen gibt es diesen Artikel, denn sicherlich wollt Ihr wissen, was wir den ganzen Tag so machen:

Für Anne, Ingmar und mich beginnt der Portugiesischunterricht morgens um 8 Uhr und geht bis um 10. Ab 10 Uhr sind dann Markus, Steve und Christian dran. Um 12 treffen wir uns gemeinsam zum Mittagessen, und am Nachmittag geht es gemeinsam von 16 bis 18 Uhr weiter.

Wie Ihr schon wisst, radele ich jeden Morgen von Santa Mônica zur Uni, da bin ich etwa eine Viertelstunde unterwegs. Bei Márcia, der Portugiesischlehrerin, lautet dann nach der Begrüßung die erste Frage: „Tu queres um copo da agua?“ – Möchtest Du ein Glas Wasser trinken?

Und dann geht das Programm los: Zuerst vergleichen wir meistens die Hausaufgaben. Dort schreiben wir kurze Aufsätze, z.B. was wir am letzten Wochenende gemacht haben, liefern Personenbeschreibungen ab, beschreiben die Gewohnheiten von Personen und so weiter. Außerdem haben wir meistens noch Aufgaben mit Lückentexten, z.B. über die Verwendung von Prononen: mit jmd. sprechen, über jmd. sprechen, jmd. ansprechen usw., halt nur auf Portugiesisch.
Dann machen wir meistens noch ein paar Zeitformen, wiederholen unregelmäßige Verben im Perfekt und Imperfekt, bilden Passivsätze und und und.
Nächste Woche werden wir uns auch an den Subjonctiv vornehmen, der uns in Texten bereits mehr und mehr begegnet und ja auch imFranzösischen bekannt ist. Weiterhin verwenden die Portugiesen/Brasilianer auch noch eine Futurform des Subjonctivs, den sonst nur die Rumänen kennen – Hallo Uli!
Danach begeben wir uns jedes Mal in die Welt des Films „Central do Brasil“ (siehe 11.März) und bearbeiten 1-2 Szenen. Ihr solltet Euch diesen Film auch einmal ansehen!
Langsam werden auch die Fragen, die Márcia für uns vorbereitet hat, schwerer. Mussten wir anfangs nur einzelne Wörter heraushören, so müssen wir jetzt auch den Text häufig umschreiben, z.B. von direkter in indirekte Rede.

Pünktlich um 10 kommen dann die anderen, und Anne, Ingamr und ich gehen meistens Internetsurfen auf dem Campus, in die Bibo zum Hausaufgabenmachen o.ä.
Gestern sind wir dabei dieser brasilianischen Studentin begegnet:



Um kurz nach 12 treffen wir uns dann mit den anderen, und gehen in einem Restaurante por quilo essen. Diese flankieren sozusagen die Ringstraße um das Universitätsgelände und sind bei Studenten und Dozenten sehr beliebt. Die Mensa der UFSC kennen wir bisher nur vom Hörensagen: Bohnen mit Reis und Reis mit Bohnen - das meiden auch die meisten Brasilianer.

Aber was ist ein Restaurante por quilo?
Es gibt ein Buffet mit Salat und Hauptgericht, und man lässt dann seinen Teller wiegen, und aus dem Gewicht errechnet sich der Preis. Jedes Restaurant hat also draußen groß seinen Kilopreis angeschlagen und sonstige Vergütungen, z.B. freier Nachtisch oder ein Freigetränk, wenn man >500g isst.
Wir haben festgestellt, das Wischmeyers Logbucherkenntis sich bewahrheitet: "Der Deutsche scheitert am Buffet" - denn angesichts der dargebotenen Speisen versucht man von allem etwas zu essen.


mein Essen im Restaurant kostet 5,89 Reais, + 1,20 für nen Mangosaft. Zusammen ca. 2,30 €

Nach dem Essen heißt es dann Zeit totschlagen bis zur Nachmittagsstunde. Da kauft man dan ein bisschen ein (fazer de compras), oder wir widmen uns unseren Nachmittagshausaufgaben, meistens Phonetik.

In der Nachmittagsstunde gibt es dann Wortschatz- und Konversationsübungen. Bei den Wortschatzübungen gibt es dann bestimmte Themen, und wir beackern eines pro Tag, z.B. Haushaltsgeräte, Küchenutensilien, Obst und Gemüse, ... Heute waren Bürogeräte und Büroaktivitäten dran, jetzt weiß ich was copy & paste auf Portugiesisch heißt (copiar e colhar). Das war eine gute Gelegenheit, auch mal den englischen Einfluss auf die Portugiesische und Deutsche Sprache zu diskutieren. Während wir Deutschen die Verben googeln und downloaden benutzen, sind im Portugiesischen andere Verben entstanden:
apagar wird durch deletar ersetzt, und personalisar durch customizar, und für ligar sagen die Brasilianer jetzt häufig conectar oder plugar. Ich denke die englischen Begriffe versteht jeder, damit erklären sich auch die Portugiesischen. Herunterladen heißt übrigens baixar (herunterheben, wurde also im Portugiesischen nicht zu "downloadar" oder ähnlichem...)
Tja, da sind wir auch schon beim Thema Konversation: Da reden wir dann einfach, oder erzählen eine kleine Geschichte, beschreiben Situationen gegenüber anderen Leuten, usw.
Danach gibt es meistens Phonetikübungen: Aussprache. Dort hören wir, wie verschiedene Buchstaben im Portugiesischen ausgesprochen werden, lernen Regeln, wann harte und weiche Betonungen vorherrschen usw.


Unser Portugiesischkurs: Christian, Steve, MMG, Markus, Ingmar und Anne

Gestern haben wir über Silbenbetonungsregeln gesprochen. Das fand ich tatsächlich mal interessant: Wörter, die auf der letzten Silbe betont werden, heißen Oxítona, z.B. Café sowie alle portugiesischen Verben im Infinitiv.
Grundsätzlich betonen die Portugiesen jedoch alles auf der zweitletzten Silbe, auf der Paroxítona. Beispiel: trabalho (Arbeit), parede (Wand). Andere Betonungen vor der zweitletzten Silbe müssen durch Akzent angezeigt werden, z.B. quina (Maschine), dico (Arzt), Floriapolis (sprich: Florja-noo-blis), und heißen Proparoxítona.
Zum Ende der Stunde singen wir dann häufig noch ein Lied (besonders beliebt sind Kinderlieder, Márcia hat eine vierjährige Tochter), welches wir hören müssen und wieder einzelne Begriffe heraushören müssen. Das Lied "Que que tem na sopa do neném" (Was gehört in die Suppe des Babys) ist quasi ein Ohrwurm und zählt allerlei Gemüsezutaten auf.

Damit ist dann die Stunde auch meistens schon zuende, würden nicht immer unvorhergesehene Dinge passieren. Z.B. trinken wir manchmal den Wasserspender leer. In Brasilien gibt es dafür einen Lieferdienst. Ein 20-Liter-Kanister Wasser mit vorbeibringen lassen und Einbau kostet 4 Reais, das sind 1,20 Euro! Nach dem Stundenlohn des Kollegen, der die Dinger auf dem Moped ausfährt, darf man wohl nicht fragen...

Quarta-feira, Março 16, 2005

Hund und Fußball

Hi,

1) ich habe seit gestern Abend einen Notebookstecker
2) Bilder und weitere Artikel folgen im Laufe des Tages oder morgen (sind da, bitte weiter unten schauen!)
3) ich habe Renato und andere Ilmenauer Studenten getroffen, die gerade in Floripa Urlaub machen und soll beste Grüsse ausrichten
4) Heute Abend fahren wir zu einem Fussbalspiel, 1. Liga, Floripa contre Rio
5) Mehr Infos bald.... auch zu den Themenparks
6) Muss jetzt zum Sprachkurs


Kurz nachdem ich diesen Eintrag verfasst hatte, bin ich zur Uni gefahren. Zumindest wollte ich das, denn als ich das Gartentor öffnete, ist mir Dusty entwischt und raus auf die Straße. Ich hinterher, da ist der Hund aber nur noch schneller geworden. Luiz war schon weg, aber Michelle war noch zu Hause, und so haben wir uns erst einmal daran gemacht, den orientierungslosen Hund wieder einzufangen. Dusty ist übrigens ein Deutscher Schäferhund, also ziemlich ausgewachsen. Durch die Straße, in der wir wohnen, faährt zwar nur alle 2-3 Minuten ein Auto, aber mit Straßenverkehr ist Dusty ist völlig überfordert gewesen, und die Autos mussten entsprechende Bremsmanöver einlegen. Nachdem Dusty dann 2-3 mal 500m nach rechts und 500m nach links die Straße runtergelaufen ist, aber jedes Mal am Grundstück vorbeigerannt ist, habe ich dann mein Fahrrad geschickt als Werkzeug eingesetzt: Als der Hund auf dem Bürgersteig ankam und am geöffneten Grundstückstor passieren wollte, habe ich das Fahrrad wie eine offene Tür schräg auf den Bürgersteig gestellt, so dass er eigentlich automatisch durchs Tor wieder aufs Grundstück finden müsste. So war mein Plan - und er funktionierte tatsächlich.
Dafür kam ich leider 20 Minuten zu spät zur Aula de português: Disculpe, Márcia! Estou atrasado!

So, und jetzt speziell für Uli und Ulf der Bericht zum Fußballspiel am Abend:


Vorspiel:
Wisst Ihr eingentlich, was ich in beinahe zwei Wochen Brasilien bis heute immer noch nicht betreten habe? Richtig: Den südamerikanischen Kontinent. Denn unser Umsteigepunkt, Rio's Flughafen, liegt auf einer künstlichen Insel, und der Flughafen von Florianópolis, 80% der Stadt mit der Uni und meinem "Bairro" Santa Mônica ebenfalls.
Das sollte sich heute ändern, denn das Estádio Orlando Scarpelli liegt im Stadtteil und damit sprichwörtlich auf dem Continente. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Carlos's Elternhaus sind wir dann aufgebrochen, in der frohen Erwartung, jetzt die totale Fußballsambatrommlerlaolafeier zu erleben. Neben Carlos und uns sechs Ilmenauer Austauschstudenten hatten wir noch Christian und Kai im Gepäck, die auch in Ilmenau studieren und hier gerade mit Renato Urlaub machen. Auf dem Weg ins Stadion ging es schon gut los: Überall gab es in den Vorgärten und auf den Straßen mobile Würtchenstände, auf denen allerlei lecker duftendes Fleisch verkauft wurde: "Finger Weg, das ist Katzenfleisch", meinte Carlos, ich hätt's probiert, denn es roch tatsächlich gut. Von überall her strömten Fußballfans und Schlachtenbummler in Richtung Stadion, von dem es heißt, die Statik sei den stampfenden Massen nicht immer gewachsen, so dass man auf den Tribünen stehende Wellen erzeugen könne. Von diesen Gerüchten wollten wir uns natürlich selbst überzeugen, also hinein ins Weitenrund!

Der Gegner hieß leider nicht wie ich ursprünglich dachte, Rio, sondern Remo, und ist die Fußballmannschaft der Stadt Bélem im Norden Brasiliens. Und es war auch leider kein Erstligaspiel, sondern die Hinrunde im Brasilienpokal. Dennoch spielen beide Mannschaften in Brasiliens erster Liga, wenn sie nicht gerade um den Pokal spielen.

Langsam hat sich auch das Stadion etwa zur Hälfte gefüllt, und weder der Popcornverkäufer noch der „Refri-Agua“ (Erfrischungsgetränke und Wasser) werden müde, mit ihren Produkten durch die Sitzreihen auf der Tribüne zu ziehen und ihre Produkte lauthals zu vermarkten.

Das Gespann um den Schiedsrichter, seine beiden Linienrichter und der Mann, der die Auswechseltafel bedient, betritt das Spielfeld. Selbstverständlich unter dem Schutz von etwa 10 Bereitschaftspolizisten, die den mit ihren Schutzschildern Buhrufe und andere von den Zuschauertribünen zu erwartende Flanken abwehren sollen. Und dann ein Riesenapplaus: Die Mannschaften strömen aus den Kabinen. Ein Fanclub macht schon richtig Stimmung mit Trommeln, Hupen und heißen Rhythmen. Zu jedem Spieler der Figueirenses haben sie ein Lied, und die Spieler lassen sich natürlich feiern, oder geben noch Interviews auf dem Feld, als der Schiedsrichter schon den Anstoß anzeigt.
Das Spiel beginnt:
Der Ball ist im Spiel, und kaum sind 10 Sekunden vorbei, liegt einer der Spieler reglos auf dem Platz. Leider konnten wir nicht sehen was passiert war, aber es war halt eine Spielunterbrechung, der Spieler wurde auf einer Bahre abtransportiert und zu einem Krankenwagen getragen. Reporter waren natürlich auch auf dem Spielfeld, Interviews mit dem verletzten Spieler und dem Top-Scorer der Mannschaft sind immer gefragt.

Nach etwa 5 Minuten geht es weiter. Die Fans haben sich etwas beruhigt, nur der eine Fanclub macht noch Stimmung und tanzt wie wild durch die Reihen. An mitgebrachten Radiogeräten verfolgen die Zuschauer die Kommentare der Radiomoderatoren.

Dann wird es aber regelrecht ruhig und still auf den Tribünen und auch die Spieler bieten alles andere als guten Fußball, es geht irgendwie nichts ab. Keine Stimmung, miserable Flanken, kaum Torchancen, immerhin sind die Figueirenses meist im Ballbesitz, aber das war’s auch schon. Ab und zu gibt es Auswechslungen und verletzte Spieler, aber auf den Tribünen rührt sich niemand, um die Mannschaft anzufeuern. Niemand? Nein, einzig der kleine Haufen der Samba tanzenden Kollegen auf der anderen Seite macht Stimmung, aber der gemeine Torcedor (Fan) ist irgendwie gar nicht gut gelaunt: Er pfeift wenn etwas schief geht, und applaudiert nicht, wenn doch mal etwas gelingt. Fast zwei Halbzeiten lang geht das so, Figueirense hatte maximal 10 Torschüsse, und Remo die Hälfte – und verwandelten einen.


Freistoß für Figueirense

Die Leute von Remo hatten jedoch maximal 50 Fans mitgebracht, so überwiegten die Buhrufe der Figueirense-Fans gegen Schiedrichter, die eigene Mannschaft und überhaupt. Das Stadion leerte sich, irgendwann war das Spiel zu Ende und die richtigen Fans längst auf dem Weg nach Hause.

Ich werde mich erkundigen, wann es mal lohnt, dorthin zu gehen. Ingmar und Kai haben Fotos gemacht, vielleicht werde ich die noch bekommen...

Domingo, Março 13, 2005

Armação

So, das Wochenende ist nun zu Ende, hier ist mein Bericht:

Das brasiliansche Bussystem funktioniert überraschend gut, man kann einfach überall hinfahren, die Anschlüsse funktionieren, es gibt grosse Umsteigeterminals, und nach 2x umsteigen sind wir in Armação im Süden der Ilha da Santa Catarina.
Markus und Anne sind mit Carlos im Auto vorgefahren, haben das Gepäck mitgenommen und und schon ein Casa klargemacht, als wir ankamen. 25 Reais pro Nacht sind ja fast geschenkt, noch schnell zum Supermercado und noch etwas eingekauft, und dann schauen wir mal was das Nachtleben von Armação so bietet. Nicht viel. Nach einem Cheeseburger sind wir dann in der einzigen Strandkneipe gelandet, und irgendwann haben wir Eliza und Luiza kennengelernt, zwei Studentinnen aus Porto Alegre. Da Eliza in Deutschland aufgewachsen ist, ging es dann Portugiesisch - Deutsch - Englisch weiter. Wir haben gelernt, wie man in Brasilien einen Schluckauf bekämpft (kopfüber bücken, dann Glas auf der Oberlippe statt auf der Unterlippe ansetzen und trinken) und mussten feststellen, dass die Kinderlieder, die uns unsere Portugiesischlehrerin beigebracht hat, zweideutige Textpassagen enthalten.


Eliza bekämpft Christians Schluckauf

Am nächsten Tag sind wir mit einem Fischerboot auf die Ilha do Campeche gefahren. Nach der 30minütigen Überfahrt erwartete uns feinster Sandstrand, viel Sonne, und Meer. Bei Christian hat sich ein fetter Sonnenbrand auf dem Rücken gebildet.


Die letzten Meter mussten wir zu Fuß waten Foto: Chr. Forst

Die Insel ist offenbar Naturschutzgebiet, und die Touristen dürfen nur an den Strand, der Urwald dahinter, aus dem manchmal kleine Ameisenbären o.ä. kam, ist abgesperrt und wird bewacht (Wieder zu Hause angekommen erzählte mir Michelle, dass man geführte Touren machen könne.) Zurück auf der grossen Insel da Santa Catarina haben wir dann noch einmal eingekauft, und eine sehr leckere grosse Pizza gegessen. Abends haben wir die beiden Mädels wiedergetroffen und erfahren, dass Luiza Alpträume hatte, in denen alle möglichen ihrer Bekannten Deutsch mit ihr sprachen, was sie nicht versteht. Das lag wohl daran, dass Elize sie manchmal irgendetwas auf Deutsch gefragt hatte...
Dafür haben wir an diesem Abend noch ein bisschen am Strand gesessen, erkennen nun das Kreuz des Südens am Nachthimmel (den Polarstern kann man ja auf der Südhalbkugel nicht sehen), wissen jezt was ein vira-lata ist (wörtlich übersetzt ein Dosendreher und das brasilianische Pendant für Strassenköter) und ein brasilianisches Kartenspiel kennengelernt, bei dem es nicht darauf ankommt zu gewinnen, sondern nicht derjenige zu sein, der verliert. Und Markus Ritter hat 3 von 3 Spielen verloren....
Heute morgen war es dann ziemlich bewölkt, wir waren nur kurz am Strand und haben uns dann wieder auf den Rückweg gemacht, wo ich trotz eines Gewitters (trovoada) erst einmal richtig ausgeschlafen habe.

MMG

Sexta-feira, Março 11, 2005

Vamos na praia no fim-de-semana

Hallo,
Am Wochenende werden wir an den Strand fahren. Carlos, der Gastbruder vom anderen Markus, telefoniert gerade ein paar Casas ab.
In den Portugiesischkursen sehen wir einen Film namens Central do Brasil (so heisst der Hbf vom Rio). Wir schauen Szene fuer Szene, erst ohne Untertitel, dann beantworten wir Fragen dazu, und sehen uns dann die Szene noch einmal mit Untertiteln an.
Ausserdem machen wir neben Vokabular- und Grammatikübbungen auch Phonetik: Für Deutsche ist es schwer bis unmöglich, einige portiesische Diphtonlaute auszusprechen. Ein Beispiel: "Filha" im Portugiesischen heisst Tochter und "lh" ist ein Doppellaut, so wie wir im Deutschen z.B. ch oder st haben. Wenn ein Deutscher Filha, "filja" ausspricht, legt er die Zunge spitzt an die vorderen oberen Schneidezähne an, und sagt eigentlich "filia". Eigentlich müsste er die Zunge beim "lh" jedoch breit an die unteren Schneidezähne pressen und dabei etwas nach unten rollen. Das fällt Deutschen im Allgemeinen schwer. Das eigentlich Schwierige ist es jedoch, sich beim Sprechen auf die Stellung der Zunge zu konzentrieren, darüber denkt man ja normalerweise nicht nach.

Bis heute abend um 17:45 haben wir noch aulas de Portugûes, danach werden wir an den Strand fahren. Die Saison ist vorbei, Casas sind mais barato (günstiger) und auch wohl ohne Probleme recht spontan für ein Wochenende zu mieten. Marcia, die Professora de Portugûes gab uns schon den Tipp, bei Fischern (=pesquadores) oder in Restaurants zu Fragen, und wer selbst kein Zimmer habe, kenne jemanden der eins vermietet. Wir werden mit dem Bus rausfahren, wobei Autos auch recht günstig zu mieten sind: etwa 60 Reais pro Tag, sind ca. 18 Euro, verteilt auf 4...5 Personen, das kann man sich wohl mal leisten.

Am Dienstag haben wir Felipe getroffen, einen Brasilianer der im letzten Jahr in Deutschland war und mit uns in Ilmenau Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Es war die Erstsemesterparty der brasilanischen calores, Erstsemestler, für Engenharia de Produção, Wirtschaftsingenieurwesen.
Calores müssen am ihren ersten Tag auf die Strasse gehen und Geld sammeln, sich von älteren Semestern anmalen lassen und wohl auch viel trinken, ihren Kopf in Mehl tauchen und mit Wasser abwaschen und sonstige Spielchen machen. Abends kannte Felipe die Kommilitonen am Bierausschank, und es gab Freibier für alle Wirtschaftsingenieure. Dafür mussten wir ein oranges Bändchen bekommen, und Felipe handelte mit seinen Kumpels aus, dass wir an den Stand kommen müssten, uns auf Portugiesisch vorstellen mussten und sagen, was wir studieren, woher wir kommen, das wir Austauschstudenten seien etc. Die Basilianer hatten natürlich ihren Spass mit unseren Portugiesischkenntnissen, wir haben schlussendlich eines der begehrten Bändchen bekommen und immer wenn wir in das Gedrängel am Stand kamen riefen die Jungs hinter der Theke schon: "Oh, os alemãos, Bier por os alemãos!"
Im Laufe des Abends haben wir die Studenten kennengelernt, die jetzt im April für ein Jahr nach Deutschland gehen, wir haben die kleine Schwester von Aline (auch eine brasilianische Studentin, die in Deutschland war) kennengelernt) und die genauso aussieht wie ihre Scwester.

Am Mittwoch waren wir im Akademischen Auslandsamt, das läuft hier alles ganz locker, irgendwann in der kommenden Woche werden wir auch offziell immatrikuliert, bekommen einen Login (im Moment sitzen wir zum Mailen in einem Computerraum, wo man auch ohne Login reinkommt, es aber nur Pentium-I-PCs mit Windows95 gibt, die ziemliche Krücken sind).
Vor dem Auslandamt hing jedenfalls ein Ilmenauer ISWI-Plakat!


Vera und ich vor dem akademischen Auslandsamt der UFSC, mit Einladung zur ISWI in Ilmenau

Einen Notebookadapter habe ich noch nicht, Luiz fährt aber heute ins Centro und kennt dort ein paar Elektroläden, er will mal schauen ob er was findet. Mir wurde in einem Geschäft schon ageboten: Kabel durchschneiden, Lüsterklemme dazwischen und dann brasilianischen Stecker davor. Das habe ich erst einmal dankend abgelehnt...
Am Wochenende wird er nach Brasilia fliegen, da er als Verwaltungsrechtsprofessor im April nach Italien zu einer weltweiten Konferenz über Vergleiche von Rechtssystemen der zweiten Kammer der jeweiligen Staaten fliegt. Er wird der brasilianische Vertreter sein und trifft sich jetzt am Wochenende mit irgendwelchen Juristen in Brasilia, um dort die brasilianische Postion auszuarbeiten.

So, ich grüsse Euch alle, und wünsche den Ilmenauern viel Erfolg bei PM und anderen Prüfungen und den vielen März-Geburtstagkindern "Parabéns por você", so singt man hier "Happy Birthday to you".
MMG

Quarta-feira, Março 09, 2005

Notebookstecker

Hallo,

leider passiert in meinem Tagebuch im Augenblick nichts. Das liegt daran, dass mein Notebookakku leer ist und der Stecker doch nicht in die brasilianischen Steckdosen passt (der Stecker vom Handyladegerät passt eigenartigerweise). Auf dem Notebook sind einige Artikelentwürfe und besonders viele Fotos. Ich war heute schon in der Stadt und habe nach Adaptern gefragt, aber bisher nicht gefunden. Bis dahin ist hier leider nicht soo viel los, unsere Portugiesischkurse haben Montag begonnnen, wir sind jetzt bei der Policia Federal registriert (Finderabdrücke gegen Aufenthaltserlaubnis), und ich habe eine brasilianische Handynummer: 0055 - 48 - 9936 - 0578


diese Fingerabdrücke gehören Christian Forst, nicht mir

MMG

Domingo, Março 06, 2005

Santo Antônio de Lisboa

Dieser Artikel lag lange auf meinem Notebook und wird leider erst jetzt veröffentlicht:


Heute bin ich wieder recht früh aufgestanden. Unter der Dusche habe ich beschlossen, dass ich neben Tagebucheinträgen auch mal "Themenparks" machen müsste, z.B. über Autotypen in Brasilien, über Dialekte (Sotaques), und halt über die Vorteile von brasilianischen Duschbrausen mit elektrischem Durchlauferhitzer. Die sind nämlich echt muito bom.
Dazu werde ich in den nächsten Tagen und Wochen sicherlich noch etwas schreiben.
Geschrieben habe ich dann jedoch zuerst mal weiter am Tagebuch, es war noch niemand aufgestanden und der PC war frei, so dass ich mal eine Zusammenfassung vom Samstag begonnen habe. Irgendwann um 10 haben wir dann zusammen ausgiebig gefrühstückt: Pão francês sind Brötchen, die wie die Aufbackbrötchen aus dem Aldi/Kaufland aus Baguetteteig sind. Pão de quejo ist eine Spezialität aus Minas Gerais, winzige Käsebrötchen, welche man mit einem Happen essen kann. Als Brotaufstrich steht neben quejo und presunto (=Schinken) auch eine Art Käsequark namens Requejão cremoso zur Auswahl, der sehr lecker schmeckt.

Nach dem Frühstück habe ich etwa eine Stunde lang mir unregelmäßige Verben und ihre Vergangenheitsformen angschaut - ich merke dass ich dort die meisten Fehler mache. Dann habe ich das Telefonbuch von Florinanópolis entdeckt, von dem es heißt, dass es die einzige ordentliche Karte der Ilha da Santa Catarina und einen Stadtplan von Florípa enthalte. Gut, wer mich kennt, weiß, dass jetzt keine Vokabeln mehr gelernt wurden, und ich mir zunächst mal einen geographischen Überblick über unsere gestrige Inselrundfahrt verschafft habe.

Zum Mittagessen sind wir mit Bekannten von Luiz und Michelle aus Blumenau verabredet gewesen, die zu Besuch in Florípa sind. Wir waren in einem Ort namens Santo Antônio de Lisboa, der sehr bucólio - ländlich - an der nördlichen Innenseite der Insel gelegen ist. So ist die Brandung nicht so stark, ein Familienstrand. Die Bekannten haben einen kleinen Jungen - João (Joachim) - der dann mit dem mitgereisten Kindermädchen an den Strand ist. Wir haben uns in einem kleinen Restaurant am Strand niedergelassen, die hatten Austern, Mariscoes (Shrimps), Muscheln und anderes Meeresgetier auf der Speisekarte, was ja wirklich nicht so mein Ding ist, allein schon wegen dem Geruch. Luiz hatte Verständnis, dass ich nichts bestellen wollte, und ich sagte, ich habe bei der Hitze auch nicht wirklich Hunger und bräuchte nichts zu essen. Er schlug vor, dass wir schon in ein kleines Café vorgehen sollten, wo alle sowieso später hingehen würden, und dort gäbe es ausgesucht gute Nudeln und darauf habe er auch mehr Appetit - sein Tenor war wohl: die Austern seien gute Delikatessen, aber satt machen, vergiss es.
So zogen wir also los durch den kleinen "mittelalterlichen" Ort, der durch von den Azoren stammenden Siedlern geprägt wurde. Luiz erklärte mir, an welchen Häusern man azorische Einflüsse (janelas azuls = blaue Fensterläden) erkennen könne. Auf den Azoren war irgendwann im 17. oder 18. Jahrhundert eine Hungersnot ausgebrochen, es gab nicht genug zu essen und viele Einwohner zogen mit den Handelsschiffen, die zwischen Brasilien und Portugal verkehrten und auf den Azoren Zwischenstation machten, mit nach Brasilien. Dort ließen sie sich in Florianópolis nieder, weil sie dort auf ähnliche klimatische Bedingungen trafen. (Mittelalterlich in Anführungszeichen: Ich weiß, dass das Mittelalter gemeinhin mit der Entdeckung Amerikas endetete, aber ein Ort, der hier 200...300 Jahre alt ist, ist hier einfach eine Attraktion).


Santo Antônio de Lisboa

Inzwischen sind unsere Spaghetti mit Basilikum fertig, muito gostoso!, und die anderen kommen nach und trinken noch einen Kaffee, es gibt noch ein wenig Kuchen und irgendwann machen wir uns wieder auf den Nachhauseweg.

Abends waren wir noch in der Kirche, das war recht interessant:
Der Gottesdienst beginnt pünktlich, auch wenn während der ersten Lieder erst die Mehrheit der Gemeinde eintrudelt, und zunächst noch die Neuigkeiten vom Tage austauscht. Jugendliche machen Musik, aber das eigentlich beste ist ein Faltblatt, in der alle Lieder und Gebete, die gesungen und gesprochen werden, die gesamte Lesung, das Evangelium, das Glaubensbekenntnis, die Wandlung etc. abgedruckt stehen. Dieses Blatt wird zentral von der brasilianischen Kirche an alle Gemeinden verteilt, und ich kann dank dieser "Untertitel" auch fast alles verstehen.
Nach der Kommunion werden die Vermeldungen verlesen, und beim Schlusslied lichten sich dann die Reihen erheblich. Draußen treffen wir uns noch mit den Leuten von der Studentengemeinde, der Pastor schüttelt allen Leuten die Hand und ich bekomme erklärt, dass Luiz' Kommentar von gestern, ich könne ja sogar Verben konjugieren,
1. ein Lob war und
2. ein Seitenhieb auf die Amis war, denn Amis sind wohl für ihre Infinitivbildungen verschrien...

Sábado, Março 05, 2005

Sabado

So jetzt ist auch schon der zweite Tag vorbei. Ich werde morgen ausfuehrlich was ueber die Absolventenfeier einer Bekannten von Luiz und Michelle schreiben, ueber unsere Inselrundfahrt, uebers Einkaufen und erste tolle Fotos gibt es auch. Ein bisschen kenne ich jetzt brasilianische Dialekte und weiss, dass Floripa 220V hat - Santa Catarina ist schliesslich deutsch gepraegt...!
Jetzt ist es hier schon 20 vor 1 nachts, ich habe gerade den Artikel von gestern geschrieben und bin jetzt zu muede. Vielen Dank fuer alle Mails, ich werde sie nach und nach beantworten.

Ist alles bestens, aber heiß...
00:42, Ventilator auf Volle Pulle, Fenster offen.


OK, jetzt ist es Sonntagmorgen und ich bin der erste der aufgestanden ist. Da werde ich mal eine Zusammenfassung des gestrigen Tages schreiben:

Mit dem Jetlack habe ich keine Probleme, ich bin abends zwar muede, aber komme dafuer morgens ziemlich gut aus dem Bett. Als ich aufstehe, ist Michelle aus dem Haus, ich fruehstuecke mit Luiz und wir unterhalten uns den ganzen Vormittag ueber, meistens auf Portugiesisch, was ich nicht erklaeren kann, sage ich auf Englisch. 70 Prozent von dem was er auf Portugiesisch sagt, kann ich verstehen.
Er ist Professor fuer Verwaltungsrecht, und seit einigen Jahren mit Michelle verheiratet, die Dozentin fuer Informatikkurse an einer Art Abendschule ist, und Elektrotechnik studiert hat. Jetzt, am Samstagmorgen nimmt sie Englischkurse.
Samstags kommt auch ein Hausmaedchen, Claudia, die etwas aufraeumt und buegelt.

Irgendwann mittags kommt Michelle zurueck, zusammen mit einem Studenten, ebenfalls Luiz, der 20 Jahre alt ist und wie ich Engenharia de Producao studiert. Er ist ein Freund von meinen Gasteltern, gemeinsam engagieren sie sich in der katholischen Universitaetsgemeinde. 2x Luiz und ich fahren zum Einkaufen, in den Angeloni, eine grosse Supermarktkette. Vorher machen wir noch eine kleine 10-minütige Tour auf der Avenida da Beira-Mare (?), der Küstenstrasse.
Dann haben wir gemeinsam gekocht, es gab Salat, Reis, Brocoli und Fleisch.
Vor dem Essen hat Luiz (Sr.) ein Tischgebet gesprochen, es war richtig lieb, er hat gedankt, dass Marcus da ist, das wir neue Freunde geworden sind und das wir uns so gut verstehen.
Inzwischen war es halb 3, und um 3 ist doch das Festa de Formatura em Engenharia die Materias (Abschlussfeier des Studienganges Werkstoffwissenschaften, da müssen wir doch hin! Schliesslich wird eine Bekannte von ihnen namens Ketner - auch aus der Hochschulgemeinde - heute dort ihren Hut aufsetzen. Also schick gemacht und auf zur Uni, dort gibt es einen grossen Festsaal, wo die gerade mal 25 Absolventen von ihren Professoren ihre Abschlusszuegnisse bekommen. Alles ist eine Riesenparty, es sind mindestens 500 Leute dabei, die wie Fans ihre Leute feiern, Lutftballons platzen lassen und mit Fanfaren aus Fussballstadien hupen.
Ansonsten ist alles perfekte Inszenierung, sehr amerikanisch, wie eine Bachelorfeier, mit entsprechenden Hüten und Roben,...
Am Ende kommt die Studentin, die sie kennen, dann zu ihrer Familie und ihren Bekannten, ich werde allen Leuten aus der katholischen Hochschulgruppe vorgestellt: Luiz sagt dann: "Er ist seit gestern hier, und kann schon Verben konjugieren - mehr oder weniger", was allgemeine Erheiterung hervorruft. Wir werden fuer den Abend zum Dinner eingeladen und zum Abschlussball, der aber erst um halb 1 nachts beginnt. Das ist auch fuer Luiz und Michelle zu spaet, also beschliessen wir, noch zum Dinner zu gehen, aber nicht mehr zum Ball.
Da bis zum Abendessen noch ein paar Stunden Zeit sind, packen wir auch Luiz jr. mit ein und machen eine Inselrundfahrt. (Floripa liegt grösstenteils auf einer Insel.) Ich lerne die Lagoa (Stadtteil am See) kennen, das ist das Urlaubsgebiet. Wir fahren zum südamerikanischen Surfers Paradise, der Praia Joaquina, und geniessen vom Berg die Aussicht auf Lagoa.


2x Luiz und Michelle und die Aussicht auf die Lagoa, dahinter ein schmaler Küstenstreifen, danach der Antlantik

Dann gehts zurück in die Stadt, wir müssen ja noch auf den Morro da Cruz, den Kreuzberg. Es ist glaube ich die hoechste Erhebung der Insel, man hat einen wunderbaren Blick auf die Insel und den Stadtteil Continente, der wie der Name schon sagt eben nicht auf der Insel liegt, und über die bekannte Borgenbrücke von Gustave Eiffel sowie eine morderne Autobahnbrücke mit der Insel verbunden ist.
Auf dem Kreuzberg steht selbstverständlich ein Gipfelkreuz, überragt wird dieses von etwa 20 grossen Fernseh-, Radio-, Mobilfunk- und Satellitenmasten.


Morro da Cruz

Danach sind wir noch in den Angeloni gefahren und haben Blumen für Ketner gekauft, und sind dann zum Dinner in einem Restaurant aufgebrochen. Dort sind mir alle Gesichter aus der Hochschulgemeinde wieder begegnet, es ist wirklich eine nette Gruppe. Besonders lustig ist, dass sie alle aus verschiedenen Teilen Brasiliens nach Florianópolis gekommen sind und deswegen auch verschiedene Dialekte (Sotaques) sprechen. Mir wird erklärt, dass Leute aus Minas Gerais alle Endungen verschlucken und die Catarinenses brasilienweit für falar muito rápido - Schnellsprechen bekannt sind.
Es gibt eine grosse Buffetauswahl mit Speisen, deren Namen ich zum grössten Teil wieder vergessen habe, Luiz hat mich geschickt um Speisen mit Fisch herumdirigiert.
Zum Dessert gab es "typisch Deutsch", denn Ketners Freund ist aus Pomerode, ein von deutschen Auswanderern aus Pommern gegründeter Ort. Er und seine Eltern sprechen gebrochen ein sehr altes Deutsch, und freuten sich, dass wir uns ein bisschen auf Deutsch unterhalten konnten.
Zum Dessert: Zu Griespudding mit Schokoüberzug sagen die Brasilianer "Puddschin", Vannille- und Schokoladenpudding heissen Mousse chocolat e chocolat branco. Richtig lecker war jedoch "torta alemã", eine Art Tiramisu ohne Alkohol.
Da nimmt man doch gern noch einen zweiten Gang, wenn einen der Tischnachbar auffordert: "Vamos enxer a pança", lass uns noch mal den Pansen vollschlagen.
A pança ist aber auch in Brasilien sehr umgangssprachlich.


Ketner mit zwei Freundinnen

So, das wars.
MMG

Sexta-feira, Março 04, 2005

Florianópolis

Bem-vindo em Floripa! = Herzlich Willkommen in Florianópolis!

Ja, wir sind alle gut angekommen. Auch wenn das mit dem Flug von Rio nach Floripa etwas problematisch war, weil: cancelado. Grund war auf Nachfrage: "Organisationelle Probleme." Das glaube ich nicht unbedingt, denn es wollten nur 7 Leute nach Florianópolis, und dafuer waere die Boeing wohl ein bisschen teuer gewesen, so dass wir einfach in einen spaeteren Flug eingebucht wurden. Resultat: Zwei zusaetzliche Stunden am Flughafen von Rio, wo irgendwie gar nichts los war.

Schliesslich kamen wir dann in Florianópolis an, wo uns Vera erwartete, mit ein paar Brasilianern. Koffer und Personen wurden auf zwei Autos verteilt und ab gings in die Stadt, erst einmal zu Cassia, der Uni-Mitarbeiterin, die fast alles organisiert. Bei Ihr zu Hause gab es Mittagessen, und unsere Gasteltern haben uns abgeholt.
Meine Gasteltern sind Luiz und Michelle, die ein Einfamilienhaus in Santa Monica (ein Stadtteil von Florianópolis) bewohnen, zusammen mit einem grossen Schaeferhund namens Dusty.
Kinder haben sie nicht, ich wohne im Gaestezimmer mit eigener Dusche und Toilette, und es heisst: Der Kuehlschrank (com bebidas bem geladas = mit gekuehlten Getraenken) ist fuer alle da.


Michelle und Luiz

Viel mehr habe ich nicht mehr mitbekommen, denn dann ahbe ich mich erst einmal schlafen gelegt. Danach habe ich gelernt, dass "tomar um banho" auf Brasilianisch "duschen" heisst, im Gegensatz zum Portugiesischen, wo es "tomar um douche" heisst. Und einen Schluessel sowie eine Einweisung in die Bedienung der Hausarlarmanlage habe ich bekommen mit der Massgabe: Bleib so lange wie du Lust hast, du weisst ja wo alles ist und wie der Alarm funktioniert.
Danach bin ich mit dem Fahrrad (das mir Luiz und Michelle zur Verfuegung stellen) in den etwa 1km entfernten Stadtteil Trinidade geradelt, wo sich die Uni befindet. Diese heisst "Universidade Federal de Santa Catarina", abgekuerzt UFSC, gesprochen "Ufski". Man beachte das "i", welches omnipraesent ist: Internetschi und Bushi.
In der UFSC haben wir uns in Cassias Buero mit der Sprachlehrerin Marcia getroffen, die einen Einstufungstest gemacht hat. Wir sollten einfach ein bisschen auf Portugiesisch erzaehlen, was uns nach Brasilien treibt, was wir studieren, welche Sprachen wir noch sprechen, welche Zeitformen wir schon gelernt haben usw.
Wir haben uns fuer die Kurse verabredet, die am Montag beginnen werden und haben uns den Kursraum zeigen lassen.

Langsam wurde es "escuro" draussen, es war ja auch schon halb 8 abends, also ab mit Vera zum Churasco bei ihren Gasteltern. Und das war seeeehr genial: muito bom. Der Gastvater und Veras Freund (Sebastian von der TU Dresden) haben Huehnerherzen, halbe Rinder und Wuerstchen aufgespiesst und so langsam kamen auch die ersten Gaeste, es wurden mindestens 25. Die andere Mitbewohnerin dort, eine Japanerin, feierte ihren Abschied, denn sie musste am naechsten Tag zurueckfliegen, wir wurden begruesst, und Vera Gastmutter verriet uns: Ihr Mann mache einfach gern Churasco, und er macht es eh jeden Sexta-feira (Freitag), da kommt dann halt irgendwie jeder mal vorbei: Jetzt kenne ich Studenten aus allen Teilen Brasiliens, aus Chile, Oesterreich, Holândia, und sowieso.
Ich weiss nun um die beiden konkurrierenden Fussballklubs in Floripa, und dass man Wuerstenstuecke in Maniokmehl taucht und dann isst, und dass Huehnerherzen zart und wuerzig schmecken.

Irgendwann um 12 war ich dann ziemlich muede, bin mit dem Fahrrad heim und das groesste Problem hiess Dusty, lief hinter dem Grundstueckstor frei herum und war lauter als moegliche Geraeusche einer Alarmanlage, als ich mich nur dem Tor naeherte. Wie sollte ich die Meter zum Haus ueberwinden, ohne meine Gasteltern zu wecken und ohne von einem Hund, der mir bis zur Huefte geht, zerfleischt zu werden?
Zunaechst habe ich das Tor aufgeschlossen. Riesengebruell. Aufschieben wagte ich nicht. Aber der Hund machte auch Krach, als Passanten oder Autos vorbeifuhren und -gingen. Na ja, nicht sooo schlimm also. Tor aufschieben, nur ein bisschen, dass der Hund nicht nach draussen fassen kann. Vorsichtig mit dem Vorderreifen des Fahrrades auf das heimatliche Grundstueck vorgetastet. Freundlicheres Gebelle. Okay, scheint alles in Ordnung so weit, das Fahhrad kennt er ja auch. Langsam habe ich meinen Fuss aufs Grundstueck gesetzt und durch den Torspalt geschoben. Das war alles ohne Probleme moeglich. Das Tor habe ich ganz geoeffnet, bin aber zuerst noch auf der Strasse geblieben - wer weiss, vielleicht traut sich der Hund nicht raus. Das traute er sich - aber blieb freundlich. Ich also langsam aufs Grundstueck, und was macht der bloede Hund? Laeuft durch das offene Tor auf die Strasse und ist schon 10 m weg. Ich verliere meine Angst und taste mich zur Haustuer vor uns schliesse auf. Aber was soll jetzt mit dem Hund geschehen, und mit dem offenen Tor? Der Hund kam, legte sich vor mich nieder, ich machte in aller Ruhe das Tor zu - Puh, halb so wild.

Schlaf. Das war Tag 1 in Brasilien.

Quinta-feira, Março 03, 2005

letzter Tagebucheintrag aus Deutschland

Heute fliege ich, sozusagen.
Franziska hat Geburtstag und zu ihrem nächsten Geburtstag plane ich in Finnland zu sein.
Mittags werden wir nach Frankfurt aufbrechen. Mein Koffer bringt es zur Zeit auf 17,5 kg von 20 erlaubten, da ist also noch etwas Luft.



Meine nächsten Termine lauten: Fr, 17:00 Sprachtest an der Uni, 19:00 Grillen bei Vera (eine Kommilitonin, die schon seit einem halben Jahr in Brasilien ist). Wohlgemerkt Ortszeit Florianópolis, was 4 Stunden hinter deutscher Zeit liegt. Daher auch die komischen Uhrzeiten hier unter jedem Tagebucheintrag, denn die sind auch auf brasilianische Zeit eingestellt.
Und dank meinem Interrail-Partner Uli kann man unter jedem Tagebucheintrag jetzt auch Kommentare loswerden:

Terça-feira, Março 01, 2005

letzte Vorbereitungen

In Osnabrück schneit es - viel für Osnabrücker Verhältnisse, mäßig für Thüringer Standards.
Aber das ist auch das einzige, was noch dazwischen kommen kann: Mein Visum ist da, die letzte Hepatitisimpfung ist drin, und überhaupt kann mich jetzt nicht mehr sooo viel aufhalten.

Außerdem treffen hier diverse Anfragen ein, was ich denn alles so aus Brasilien mitzubringen habe: Muscheln, Münzen und vieeeel Sonnenschein (letzteres wünschen sich die Osnabrücker).